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Die Wellen haben sich geteilt
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Anfahrt zum Zentrum Paul Klee
(Foto: Selma Käppeli) |
Von Selma Käppeli.
Nach jahrelangem nervösem Zuwarten und
einigen hässlichen Querelen hat das Paul Klee Zentrum im
Osten von Bern endlich seine Tore geöffnet. Ein unvergleichbarer
Bau für ein unvergleichbares (und unvergleichbar grosses)
Werk. Auch das Motto der Eröffnung lässt sich in keiner
Weise mit gewöhnten Apéro und langen Reden an anderen
Eröffnungen vergleichen: Fürs Publikum vom Publikum
eröffnet. Die farbigen Bänder sind am 20. Juni nicht
etwa vom Direktor des Zentrums zerschnitten worden, sondern von
bereits wartenden Besuchern und Besucherinnen. Die Eröffnung
wird pompös gefeiert: Nebst Familienführungen und einer
Papieroper wird auch das Gehör nicht vernachlässigt,
wenn etwa Sandy Patton ihre Stimme erhebt oder das Ensemble Paul
Klee Kandinskys Gelben Klang instrumentiert. Die Eröffnungsfeierlichkeiten
dauern noch bis zum 03. Juli, der geneigte Leser möge sich
sputen.
Viel ist in der Presse geschrieben worden:
Finanzielle und personelle Streitigkeiten, das Kunstmuseum, das
fast alle Schätze übergeben musste und nicht zuletzt
war der Kulturstandort Bern ein Thema (Zürcher, seid ihr
eifersüchtig?). Doch nun haben sich die Wellen, wie sie
von den Bernern liebevoll genannt werden, geteilt und ein kleiner
Rundgang in und ums Monument drängt sich auf.
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Der Wegweiser
(Foto: Selma Käppeli) |
Schon auf der Autobahnbrücke leuchtet
einem die riesige rote Skulptur entgegen, die Vorlage dazu hat
Klee 1937 selbst geschaffen, ein Verfahren oder mühsames
Suchen erübrigt sich. Auch auf die Strassennamen hat der
Künstler abgefärbt: "Das Monument im Fruchtland",
"Undo-Endo", "Luft - Station", "Familienspaziergang"
oder "Teppich der Erinnerung" sind Werktitel und wurden
mit Hingabe in die umliegende Landschaft verpflanzt. Wohin sich
der Besucher auch wendet, er wird mit Paul Klee konfrontiert.
Der Haupteingang befindet sich auf der Westseite, der einzig
offenen Fassadenseite des Baus und lässt den weitsichtigen
Blick über sonnenverwöhnte Hügel schweifen, den
kurzsichtigen direkt auf die Autobahn. Durch eine Glastüre
tritt man in einen schmalen Wandelgang, links befinden sich Kasse
und Café, rechts die Buchhandlung und die gegenwärtige
Sammlung und durch die gegenüberliegende Glasscheibe verebben
die Wellen. Im Untergeschoss eröffnet sich den Nachwuchskünstlern
ein wahres Paradies: Creaviva nennt sich das Kindermuseum, in
dem sich am Eröffnungstag schon zahlreiche begeisterte Kinderchen
(und nicht weniger begeisterte Eltern) mit Farbe und Form beschäftigt
(und mit ersterem auch bekleckert) haben. Zwischen den stillen
Örtchen rezitiert der Künstler San Keller während
den Eröffnungstagen den "catalogue raisonné";
ein mutiges Unterfangen, da für Klees Werk neun Bände
nötig sind. Vor seinem Podium sind Bänke installiert,
die den Besucher einladen entweder zuzuhören oder mit Keller
zu lesen. Allerdings traut sich keiner wirklich.
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Paul Klee Zentrum: Innenansicht
(Foto: Selma Käppeli) |
Kunst wohin man sich wendet
Das Monument im Fruchtland wurde vom
Architekt Renzo Piano gebaut, der schon mit dem Beyeler Bau in
Riehen oder mit dem Centre Pompidou in Paris Architekturfans
begeistert hat. Und so ist es auch vom hiesigen Bau zu erwarten:
Piano hat sich intensiv mit dem Werk und Leben des Künstlers
auseinandergesetzt und es in einer ästhetisch-funktionalen
Landschaftsskulptur verwirklicht. Die drei sich zur Autobahn
erhebenden Wellen fügen sich nahtlos in die bestehende Landschaft
ein, nehmen die Hügel auf und führen sie weiter. Die
Stahlkonstruktion ist durchwegs sichtbar, was einerseits Architekturbegeisterte
beglückt, andererseits den Einsatz von Kunstlicht im vorderen
Teil weitgehend unnötig macht. Mit der Wellengeometrie nimmt
Piano ein zentrales Moment in Klee's Formensprache auf - von
Kritikern ist das als zu banal empfunden worden.
Die Ausstellungspräsentation findet im
nach hinten verlaufenden Raum des Gebäudes statt. Es herrscht
eine Dämmerstimmung, die die Werke umgibt. Für die
hoch lichtempfindlichen Werke ist eine Stärke von 50-100
Lux möglich, mehr würde ihnen schaden. Deckenstrahler
reflektieren das Licht, gewährleisten die präzise Kontrolle
der Lichtverhältnisse und ermöglichen gleichzeitig
deren präzise Inszenierung. Die 1750 qm grosse Ausstellungsfläche
wird mit Stellpaneelen, stabilisiert durch Stahlseile, in kleine
Kabinette unterteilt. Denn für die meist kleinformatigen
Werke ist der Saal schlicht ungeeignet (weil zu gross). Hier,
im grösseren der beiden Säle, wird die Sammlung präsentiert.
Da das Zentrum mit 4000 Werken (was ungefähr 40% des Gesamtoeuvres
des Künstlers entspricht) über einen reichen Fundus
verfügt, befindet sich die Sammlung im Halbjahresrhythmus
in Rotation. Das Präsentationskonzept setzt auf Monografie,
Interdisziplinarität und Topografie. So sollen die philosophischen,
zeitgeschichtlichen, pädagogischen und psychologischen Aspekte
in Paul Klees Werk repräsentiert werden. Mit ungefähr
200 Werken wird den Besuchern ein chronologischer Abriss über
Klees Schaffen geboten.
Der kleinere (850 qm) Ausstellungsraum im Erdgeschoss ist für
Wechselausstellungen gedacht. Mit der Lehrtätigkeit am Bauhaus
in den 20er und 30er Jahren ist eine mögliche Verbindung
geschaffen, doch auch weitergehende Verbindungen bis in die Kunst
der Gegenwart sollen gezogen werden.
"Kein Tag ohne Linie (Nulla dies sine linea)" ist der
Titel der noch bis Mitte 2006 stattfindenden Eröffnungsausstellung.
Elegant hat der künstlerische Leiter Tilman Osterwold die
architektonische Konstruktion mit dieser ersten Ausstellung verflochten.
Der Schwerpunkt ist hier auf das grafische Werk gelegt: Die fragilen
Bleistift- und Tuschzeichnungen der letzten Schaffensperiode
setzen einen Kontrast zu der oben gezeigten Überblickausstellung
und bieten einen ersten Einblick in die Welten von Paul Klee.
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Paul Klee Zentrum: Modell
(Foto: Selma Käppeli) |
Und in der Zukunft
Hier liegt wohl auch die Zukunft des
Zentrums: In der Komplexität des Oeuvres und in dessen Vermittlung
und Erforschung. Der interdisziplinäre Ansatz, der Klee
zeitlebens verfolgt hat, prägt wie selbstverständlich
die Konzeptualisierung des Hauses. Mit der Sommerakademie, die
2006 das erste Mal durchgeführt wird und zeitgenössische
Künstler, Kuratoren und Kritiker zu einem Symposium versammelt,
ist nebst dem Kindermuseum und dem Theater- und Konzertauditorium
ein potentielles Kommunikationsforum geschaffen worden, das auf
zahlreiche spannende Veranstaltungen hoffen lässt.
Mit dem Monument im Fruchtland ist ein Ort
der Kontemplation, der Forschung und der vielschichtigen Auseinandersetzung
entstanden, rund um Paul Klee. Dass der Standort Bern als lebendige
Kulturstadt eine massive Aufwertung erfährt, ist ein willkommener
Nebeneffekt. Und falls die budgetierten 180'000 Besucher ausbleiben
sollten, bietet das Zentrum für Konzerte und Tagungen den
idealen Austragungsort. Platz gibt's wahrlich genug.
Literatur:
Gerhard Mack: "Monumentale Wellen für den Meister des
kleinen Formats", NZZ am Sonntag, 19. Juni 2005, s. 71.
Kleiner Bund, 18. Juni 2005
www.paulkleezentrum.ch
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Verlosung
Zur Eröffnung des Paul Klee Zentrums
verlosen wir einen Jahres-Museumspass*. Beantworten Sie folgende
Frage:
Wie lautet der zweite Vorname des
Mäzenen Maurice E. Müller?
Senden Sie uns eine E-Mail mit dem Betreff
"Paul Klee" an gewinnen@netzmagazin.ch.
Nicht vergessen: richtige Antwort, Name und vollständige
Adresse. Teilnahmeschluss ist der 31. Juli 2005. Viel Glück!
* Das Zentrum Paul Klee schliesst sich erst
am 1. Januar 2006 dem Museumspass an. 405 Museen können
zur Zeit mit dem Museumspass uneingeschränkt besucht werden.
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