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Nr. 133 / Juli 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Paul Klee Zentrum
Biennale Teil 3
 

Die Wellen haben sich geteilt

Anfahrt zum Zentrum Paul Klee
(Foto: Selma Käppeli)

Von Selma Käppeli.

Nach jahrelangem nervösem Zuwarten und einigen hässlichen Querelen hat das Paul Klee Zentrum im Osten von Bern endlich seine Tore geöffnet. Ein unvergleichbarer Bau für ein unvergleichbares (und unvergleichbar grosses) Werk. Auch das Motto der Eröffnung lässt sich in keiner Weise mit gewöhnten Apéro und langen Reden an anderen Eröffnungen vergleichen: Fürs Publikum vom Publikum eröffnet. Die farbigen Bänder sind am 20. Juni nicht etwa vom Direktor des Zentrums zerschnitten worden, sondern von bereits wartenden Besuchern und Besucherinnen. Die Eröffnung wird pompös gefeiert: Nebst Familienführungen und einer Papieroper wird auch das Gehör nicht vernachlässigt, wenn etwa Sandy Patton ihre Stimme erhebt oder das Ensemble Paul Klee Kandinskys Gelben Klang instrumentiert. Die Eröffnungsfeierlichkeiten dauern noch bis zum 03. Juli, der geneigte Leser möge sich sputen.

Viel ist in der Presse geschrieben worden: Finanzielle und personelle Streitigkeiten, das Kunstmuseum, das fast alle Schätze übergeben musste und nicht zuletzt war der Kulturstandort Bern ein Thema (Zürcher, seid ihr eifersüchtig?). Doch nun haben sich die Wellen, wie sie von den Bernern liebevoll genannt werden, geteilt und ein kleiner Rundgang in und ums Monument drängt sich auf.

Der Wegweiser
(Foto: Selma Käppeli)

Schon auf der Autobahnbrücke leuchtet einem die riesige rote Skulptur entgegen, die Vorlage dazu hat Klee 1937 selbst geschaffen, ein Verfahren oder mühsames Suchen erübrigt sich. Auch auf die Strassennamen hat der Künstler abgefärbt: "Das Monument im Fruchtland", "Undo-Endo", "Luft - Station", "Familienspaziergang" oder "Teppich der Erinnerung" sind Werktitel und wurden mit Hingabe in die umliegende Landschaft verpflanzt. Wohin sich der Besucher auch wendet, er wird mit Paul Klee konfrontiert.
Der Haupteingang befindet sich auf der Westseite, der einzig offenen Fassadenseite des Baus und lässt den weitsichtigen Blick über sonnenverwöhnte Hügel schweifen, den kurzsichtigen direkt auf die Autobahn. Durch eine Glastüre tritt man in einen schmalen Wandelgang, links befinden sich Kasse und Café, rechts die Buchhandlung und die gegenwärtige Sammlung und durch die gegenüberliegende Glasscheibe verebben die Wellen. Im Untergeschoss eröffnet sich den Nachwuchskünstlern ein wahres Paradies: Creaviva nennt sich das Kindermuseum, in dem sich am Eröffnungstag schon zahlreiche begeisterte Kinderchen (und nicht weniger begeisterte Eltern) mit Farbe und Form beschäftigt (und mit ersterem auch bekleckert) haben. Zwischen den stillen Örtchen rezitiert der Künstler San Keller während den Eröffnungstagen den "catalogue raisonné"; ein mutiges Unterfangen, da für Klees Werk neun Bände nötig sind. Vor seinem Podium sind Bänke installiert, die den Besucher einladen entweder zuzuhören oder mit Keller zu lesen. Allerdings traut sich keiner wirklich.

Paul Klee Zentrum: Innenansicht
(Foto: Selma Käppeli)
Kunst wohin man sich wendet
Das Monument im Fruchtland wurde vom Architekt Renzo Piano gebaut, der schon mit dem Beyeler Bau in Riehen oder mit dem Centre Pompidou in Paris Architekturfans begeistert hat. Und so ist es auch vom hiesigen Bau zu erwarten: Piano hat sich intensiv mit dem Werk und Leben des Künstlers auseinandergesetzt und es in einer ästhetisch-funktionalen Landschaftsskulptur verwirklicht. Die drei sich zur Autobahn erhebenden Wellen fügen sich nahtlos in die bestehende Landschaft ein, nehmen die Hügel auf und führen sie weiter. Die Stahlkonstruktion ist durchwegs sichtbar, was einerseits Architekturbegeisterte beglückt, andererseits den Einsatz von Kunstlicht im vorderen Teil weitgehend unnötig macht. Mit der Wellengeometrie nimmt Piano ein zentrales Moment in Klee's Formensprache auf - von Kritikern ist das als zu banal empfunden worden.

Die Ausstellungspräsentation findet im nach hinten verlaufenden Raum des Gebäudes statt. Es herrscht eine Dämmerstimmung, die die Werke umgibt. Für die hoch lichtempfindlichen Werke ist eine Stärke von 50-100 Lux möglich, mehr würde ihnen schaden. Deckenstrahler reflektieren das Licht, gewährleisten die präzise Kontrolle der Lichtverhältnisse und ermöglichen gleichzeitig deren präzise Inszenierung. Die 1750 qm grosse Ausstellungsfläche wird mit Stellpaneelen, stabilisiert durch Stahlseile, in kleine Kabinette unterteilt. Denn für die meist kleinformatigen Werke ist der Saal schlicht ungeeignet (weil zu gross). Hier, im grösseren der beiden Säle, wird die Sammlung präsentiert. Da das Zentrum mit 4000 Werken (was ungefähr 40% des Gesamtoeuvres des Künstlers entspricht) über einen reichen Fundus verfügt, befindet sich die Sammlung im Halbjahresrhythmus in Rotation. Das Präsentationskonzept setzt auf Monografie, Interdisziplinarität und Topografie. So sollen die philosophischen, zeitgeschichtlichen, pädagogischen und psychologischen Aspekte in Paul Klees Werk repräsentiert werden. Mit ungefähr 200 Werken wird den Besuchern ein chronologischer Abriss über Klees Schaffen geboten.
Der kleinere (850 qm) Ausstellungsraum im Erdgeschoss ist für Wechselausstellungen gedacht. Mit der Lehrtätigkeit am Bauhaus in den 20er und 30er Jahren ist eine mögliche Verbindung geschaffen, doch auch weitergehende Verbindungen bis in die Kunst der Gegenwart sollen gezogen werden.
"Kein Tag ohne Linie (Nulla dies sine linea)" ist der Titel der noch bis Mitte 2006 stattfindenden Eröffnungsausstellung. Elegant hat der künstlerische Leiter Tilman Osterwold die architektonische Konstruktion mit dieser ersten Ausstellung verflochten. Der Schwerpunkt ist hier auf das grafische Werk gelegt: Die fragilen Bleistift- und Tuschzeichnungen der letzten Schaffensperiode setzen einen Kontrast zu der oben gezeigten Überblickausstellung und bieten einen ersten Einblick in die Welten von Paul Klee.

Paul Klee Zentrum: Modell
(Foto: Selma Käppeli)
Und in der Zukunft
Hier liegt wohl auch die Zukunft des Zentrums: In der Komplexität des Oeuvres und in dessen Vermittlung und Erforschung. Der interdisziplinäre Ansatz, der Klee zeitlebens verfolgt hat, prägt wie selbstverständlich die Konzeptualisierung des Hauses. Mit der Sommerakademie, die 2006 das erste Mal durchgeführt wird und zeitgenössische Künstler, Kuratoren und Kritiker zu einem Symposium versammelt, ist nebst dem Kindermuseum und dem Theater- und Konzertauditorium ein potentielles Kommunikationsforum geschaffen worden, das auf zahlreiche spannende Veranstaltungen hoffen lässt.

Mit dem Monument im Fruchtland ist ein Ort der Kontemplation, der Forschung und der vielschichtigen Auseinandersetzung entstanden, rund um Paul Klee. Dass der Standort Bern als lebendige Kulturstadt eine massive Aufwertung erfährt, ist ein willkommener Nebeneffekt. Und falls die budgetierten 180'000 Besucher ausbleiben sollten, bietet das Zentrum für Konzerte und Tagungen den idealen Austragungsort. Platz gibt's wahrlich genug.

Literatur:
Gerhard Mack: "Monumentale Wellen für den Meister des kleinen Formats", NZZ am Sonntag, 19. Juni 2005, s. 71.
Kleiner Bund, 18. Juni 2005

www.paulkleezentrum.ch

Verlosung

Zur Eröffnung des Paul Klee Zentrums verlosen wir einen Jahres-Museumspass*. Beantworten Sie folgende Frage:

Wie lautet der zweite Vorname des Mäzenen Maurice E. Müller?

Senden Sie uns eine E-Mail mit dem Betreff "Paul Klee" an gewinnen@netzmagazin.ch. Nicht vergessen: richtige Antwort, Name und vollständige Adresse. Teilnahmeschluss ist der 31. Juli 2005. Viel Glück!

* Das Zentrum Paul Klee schliesst sich erst am 1. Januar 2006 dem Museumspass an. 405 Museen können zur Zeit mit dem Museumspass uneingeschränkt besucht werden.


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