AKTUELL   ARCHIV & SUCHE   NEWSLETTER   INFOS   KONTAKT

Nr. 133 / Juli 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

FESTIVAL-SPEZIAL    LABELPORTRÄT    INTERVIEWS    NEUHEITEN    MEILENSTEINE    KOLUMNEN    KONZERTE

 

« ZURÜCK

 

WEITER »

Big Zis
Thirteen Senses
Nattyflo
 

Interview mit Thirteen Senses
"Es ist durchaus schmeichelhaft mit einer Band wie Coldplay verglichen zu werden."

Sie haben dasselbe Plattenlabel, werden in dieselbe Schublade gesteckt und sind gleichermassen bescheiden: Thirteen Senses aus Cornwall könnten dieses Jahr das werden, was Keane letztes Jahr waren - Englands grösste Popsensation. Ein Gespräch über das Berühmtwerden, den Umgang mit Journalisten und die musikalischen Freiheiten bei einem Major Label.

Von David Bauer und Patricia Senn (Fotos).

Die Geschichte der vier Jungs aus Cornwall im Südwesten von England liest sich wie ein wahr gewordener Traum tausender Schülerbands: Ein unauffälliger Junge schreibt im zarten Alter von 16 Jahren Songs in seinem stillen Kämmerlein, bis ihn einer seiner Freunde dazu überredet, eine Band zu gründen und das eine oder andere Stück vorzutragen. Die Geschichte nimmt ihren Lauf, als ein Demotape bei den Talentspähern des Branchenriesen Universal Music landet und auf offene Ohren stösst. Im Herbst 2004 erschien ihr Debutalbum "The Invitation" in England, rund ein halbes Jahr später kommt auch die Schweiz in den Genuss. Das Netzmagazin hat Thirteen Senses vor ihrem Gig im Zürcher Abart getroffen.

Das Netzmagazin: Wenn Journalisten über eine neue Band schreiben müssen, ziehen sie als erstes Vergleiche mit bekannten Bands. In eurem Fall wären das zum Beispiel...

Brendon: (unterbricht) Yeah, Slipknot

Oder auch Coldplay und Keane...Hasst ihr solche Vergleiche, oder findet ihr sie hilfreich, solange ihr noch nicht so berühmt seid?

Tom: Das passiert automatisch und ist auch in Ordnung zu Beginn. So können sich die Leute wenigstens etwas darunter vorstellen, wenn sie einen Artikel über uns lesen.

Brendon: Solange man nur eine Single hat, wird man immer nur auf diese reduziert. In England (wo ihr Album schon vergangenen Herbst veröffentlicht wurde, d. Verf.) ist es schon viel besser geworden, die Artikel beginnen nun eher mit "Man könnte meinen, sie klingen wie Coldplay, aber..."

Adam: Es ist ja durchaus schmeichelhaft mit einer Band wie Coldplay verglichen zu werden.

Spätestens mit dem zweiten Album sollten sich die Vergleiche aber gelegt haben?

Alle: Definitiv!

Ich habe eure "Performance" in Basel gesehen - ein 5-Song Playback Showcase des lokalen Radiosenders. Ist das auch so etwas, das man über sich ergehen lassen muss, wenn man auf dem Weg nach oben ist?

Brendon: Natürlich will man sich nicht verkaufen, wir machen schon nicht einfach alles mit. Eigentlich war es der lustigste Abend seit wir als Band touren. Zuerst sagte man uns, es würde auf TV übertragen, dann wurde daraus eine Radioaufnahme vor 50 Leuten und als wir schliesslich dort ankamen, war es ein Gig und 1000 Leute waren gekommen. Und wir hatten keine Ausrüstung dabei. Ich weiss nicht, ob wir so was nochmals machen würden.

Tom: Vielleicht hat es aber schon etwas gebracht und das nächste Mal wenn wir dort spielen, kommen noch mehr Leute.

Vor ziemlich genau einem Jahr haben wir hier im Abart Keane interviewt, kurz bevor sie richtig durchstarteten. Ihr seid nun wohl auch bald soweit...

Tom: Oh, fingers crossed...

Wie fühlt Ihr euch denn nun? Habt ihr euch das so vorgestellt?

Tom: Das Hauptziel ist wohl, viele Alben zu produzieren und von der Musik leben zu können. Natürlich hoffen wir auch, dass es noch grösser wird.

Brendon: Wir haben schon Ziele. Einmal im Wembley spielen. Oder als Vorgruppe von U2. Man setzt sich solche Wunschziele, aber man muss sie nicht zwingend erreichen. Wir sind einfach glücklich, das machen zu können, was wir tun und dass alles so gut für uns läuft.

Adam: Es ist ein Unterschied, ob man sich wünscht, dass die eigene Platte millionenfach verkauft wird oder ob man meint, es sei das Einzige, was zählt. Wir müssen nicht unbedingt 28 Millionen Alben verkaufen. Es sollte einfach jeder eine Chance kriegen, uns zu hören und dann zu entscheiden, ob er uns mag oder nicht. Wenn niemand uns mag: fair enough.

Dann passt ihr eure Ziele einfach den jeweiligen Umständen an?

Tom: Ja, irgendwie schon. Ich glaube, das erste Ziel ist immer besser zu werden. Solange wir merken, dass wir besser werden, ist es gut. Im Moment scheint es sehr gut zu laufen.

Adam: Es ist cool, nach Europa zu kommen, als könnten wir nochmals von vorne beginnen mit dem, was vor zwei Jahren in England angefangen hat. Wir kriegen quasi eine zweite Chance, um all die Dinge richtig zu machen, die wir bei uns zu Hause noch nicht so recht hingekriegt haben.

Dafür stellen jetzt die europäischen Journalisten nochmals dieselben Fragen, die ihr den englischen Journalisten schon vor zwei Jahren beantwortet habt...

Tom: Gewisse Fragen wiederholen sich natürlich und werden auch auf eine von uns bestimmte Weise beantwortet.

Brendon: Es kommt aber immer auch auf den Interviewer an: Je nachdem, wie du antwortest, werden manche einen sehr guten Artikel schreiben, andere einen sehr schlechten. Deshalb macht es schon Sinn, zu versuchen, gute Antworten zu geben; egal ob man Interviews mag oder nicht.

Tom: Eigentlich mag ich Interviews sehr. Ist doch schön, wenn sich Leute für uns interessieren.

Passiert es euch, dass euch ein Interviewer überfordert?

Tom: Ich musste mal ein Interview geben für ein holländisches Teenmagazine, die haben sehr seltsame Fragen gestellt. Wie lang ist dein Penis, welche Unterwäsche trägst Du gerade? Fragen wie: Würdest Du lieber Sex im Treppenhaus oder im Flugzeug haben?

Adam: Das sind eigentlich alles Fragen, mit denen man umgehen könnte. Schwierig ist es dann, wenn man keine Ahnung hat, was man antworten soll. Ich hatte mal ein Interview mit einem Modemagazin und war nicht darauf vorbereitet, über mein Lieblings-Seidenhemd zu sprechen oder den Prozess bei der Auswahl einer Jeanshose am Morgen...

Was sollen denn die Journalisten über euch schreiben?

Brendon: Dass wir vier sehr entspannte, normale Jungs sind, die Musik lieben

Tom muss zu VIVA Interaktiv, ohne Dusche, alle versichern ihm, dass er ok aussieht. Er verabschiedet sich freundlich.

Adam: Wir wollen eigentlich nicht einer bestimmten Szene zugeordnet werden. Wir möchten Musik machen, die anderen auch gefällt. Es geht eigentlich vor allem um Musik.

Wenn Interviews locker und ungezwungen verlaufen, so erhält man manchmal urplötzlich Antworten, nach denen man eigentlich gar nicht gefragt hatte:

Brendon: Tom ist Single, vielleicht wollt Ihr das ja wissen. (lautes Gelächter)

Das Netzmagazin: Tom, wie soll sie denn sein?

Brendon: Mindestens halb so gross wie er.

Tom: Oh, ich weiss nicht, solche Dinge verwirren mich...generell langes Haar.

Brendon: Was, überall? (lautes Gelächter)

Tom: Ja ich mag sehr stark behaarte Frauen. (lautes Gelächter)

Hat die britische Presse noch nie versucht, genau davon abzulenken und
euch ein bestimmtes Label zu verpassen?

Adam: Doch. Unser erstes Interview mit dem NME verlief so, dass jede Frage nur darauf abzielte, uns etwas Kontroverses zu entlocken, während wir versuchten, einfach nur nett zu sein. Am Ende stand in der Zeitung, wir wollten Fred Durst erschiessen und nehmen alle Heroin. Das war so ungefähr das Erste, was man über uns lesen konnte. Dabei sind wir wohl alles andere als kontrovers.

Brendon: Ich meine, wir waren heute einfach Touristen in Zürich, haben uns Hüllen für unsere Laptops gekauft. Das ist ungefähr was wir tun...ziemlich normal. Uns erkennt auch keiner auf der Strasse.

Habt ihr schon Ideen oder gar Songs für ein neues Album?

Brendon: Wir haben ein paar Songs, ungefähr vier, aber seit wir touren hatten wir nicht wirklich Zeit, daran zu arbeiten. Wir freuen uns schon darauf, nach Hause zu kommen und weiter zu machen, auch wenn wir vielleicht einfach alles über Bord werfen und ganz neu beginnen. Das erste Album ist nun mal eher kommerziell, es hat sich einfach so entwickelt, aber beim nächsten möchten wir schon ein wenig experimentieren. Wir möchten uns da nicht zu sehr nach einem Zielpublikum richten.

Euer Plattenlabel Universal wird euch dazu bestimmt auch noch den einen oder anderen "Tipp" geben...

Adam: (imitiert einen Labelmanager) "Yeah, but where's the hit?" (lacht)

Glaubt ihr wirklich, dass sie euch die Freiheit geben werden, alles zu tun, worauf ihr Lust habt musikalisch?

Bredon: Ja, das war unter anderem ja auch der Grund, warum wir uns für sie entschieden haben. Sie scheinen daran zu glauben, dass wir das Zeug dazu haben, es auch alleine zu schaffen. Sie mischen sich gar nicht wirklich ein bei unserer Arbeit, abgesehen vom Geldfluss natürlich. Sie sind eher so was wie "overviewer", sie meckern nicht ständig rum, sie geben einfach Tipps. Wir haben immer das letzte Wort, und das ist wirklich gut so.

Also lernt ihr Universal als eine Art high-budget Indie-Label kennen?

Adam: Wir kriegen irgendwie von beidem das Beste: Einerseits ist Universal ja offensichtlich ein riesiges Unternehmen, was natürlich ein grosser Vorteil ist, wenn man viele Platten verkaufen will. Andererseits gibt es auch in dieser grossen Firma einige Leute, denen die Musik noch immer wichtiger ist als das Geld, und die es vorziehen, ein gutes Album zu machen, anstatt einfach nur eins, das sich gut verkauft. Es ist gut zu merken, dass man uns nicht einfach in die Pop-Ecke schieben will.

www.thirteensenses.com


« ZURÜCK

NACH OBEN

WEITER »

Erscheint jeden Monat am 3. neu.

© 2000 - 2005 "DAS NETZMAGAZIN." Alle Rechte vorbehalten. Powered by Bürki Hosting, Spiez.