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Labelserie: Touch
Zwischenwelten
Das englische Label Touch veröffentlicht
Musik, die meilenweit von dem entfernt ist, was man sich unter
diesem Begriff landläufig vorstellt. Verantwortlich dafür
sind Klangkünstler wie Fennesz, Johann Johannson oder Oren
Ambarchi, die mit ihren Werken Zwischenwelten von eigentümlicher
Anmut und Zeitlosigkeit erschaffen.
Von Ralph Hofbauer.
Eine Touch-CD kann man nicht einfach mal so
schnell im Musikgeschäft probehören, indem man sich
durch die Songs spult. Dann passiert nämlich in den meisten
Fällen gar nichts - und man denkt sich, dass man Stockhausen,
John Cage und all diese versponnenen Avantgardisten, denen die
Klänge wichtiger sind als die Töne, wohl nie verstehen
wird.
Doch legt man sich beispielsweise zu Fennesz'
Album "Venice" auf eine Wiese und schliesst die Augen,
kann es leicht passieren, dass man sich in die fremde Klangwelt
entführen lässt und der Hypnose dieser Musik verfällt.
Plötzlich versteht man die Kraft der Klänge und denkt
sich, wie wohltuend anders das klingt, als der ganze Popmüll,
mit dem wir tagtäglich zugeschüttet werden. Und man
fragt sich: Wie kann aus Störgeräuschen etwas so erhaben
Schwebendes entstehen?
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Touch lotet die Grenzen jener anderen
Seite der Musik aus, die man auch "Difficult Listening"
nennen könnte. Musik also, bei der sich der Hörer nicht
an Rhythmen und Ohrwurmmelodien festhalten kann. Der Katalog
des in London ansässigen Labels reicht von den verzerrten
Symphonien, die der Österreicher Christian Fennesz mit Laptop
und Gitarre erschafft, über die Drones von Biosphere, hin
zu den minimalistischen Ambient(t)räumen von Oren Ambarchi.
Am äussersten Ende der Skala zur Nicht-Musik figuriert Chris
Watson mit seinen Biennale-gekrönten Dokumentationen natürlicher
Klangphänomene, wobei man sich natürlich fragen kann,
wer - ausser den Kuratoren der Biennale - seine Stereoanlage
freiwillig mit Savannengeräuschen füttert. Als Einstieg
seien an dieser Stelle deshalb doch eher die im Vergleich dazu
geradezu eingängigen Alben des Isländers Johann Johannson
empfohlen, dessen Neokammermusik weniger konzeptkünstlerisch,
dafür umso ergreifender daherkommt.
Benjamin und Adorno werden Lügen gestraft
Angefangen hat die Geschichte von
Touch 1982 in London mit der Idee, ein audiovisuelles Label zu
gründen, bei dem Ton, Text und Bild eins sind. In Form von
Kassettenmagazinen in post-punkiger D.I.Y-Manier ergänzte
man die Musik von New Order, Tuxedemoon, Cabaret Voltaire und
The Residents durch visuelle Kunst und Texte von Neville Brody,
Jon Savage und Joseph Beuys.
Dieser Anspruch an die optische Komponente
der Musik ist für Touch bis heute zentral geblieben. Die
CDs des in London ansässigen Labels sind der Traum jedes
Discophilen: Keine billigen Plastikhüllen, sondern sorgfältig
gestaltete, typografisch schlicht gehaltene Kartonhüllen,
die von vollflächigen Fotografien geziert werden, in denen
die Natur die bescheidene, aber poetische Hauptrolle spielt.
Diese konsequente Verweigerung des Star(körper)kults durch
die Verbannung des Menschen vom Cover spiegelt die zeitlose Kraft
der auf Touch veröffentlichten Musik wieder, deren Halbwertszeit
um eine Ewigkeit höher ist, als diejenige der Popstar-Gesichter.
Die Bilder stammen ausschliesslich von Jon Wozencroft, der zusammen
mit Mike Harding das Label leitet - und ebenso wie die Musik
der Touch-Künstler lassen die Fotos den Betrachter innehalten
und staunen.
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Es ist diese Aura aus intelligenter Musik
und liebevollem Artwork, die jede Touch-Veröffentlichung
einzigartig macht und das Label ist deshalb gewissermassen die
Antithese zu Walter Benjamins Behauptung, das Kunstwerk verliere
im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit seine Aura. Auch
Adornos Kulturpessimismus wird durch Touch Lügen gestraft,
denn Touch-Produkte fordern einen mündigen Konsumenten,
der reflektiert und nicht nur Scheinbedürfnisse stillt.
O-Ton Wozencroft:
"I'm gently outraged by the way our culture
has sought to erase any engagement with "difficulty."
Difficulty is crucial, and ever-present. What could be more difficult
than the moral questions posed by genetic engineering? Corporate
culture refuses difficulty in favour of infantilism. The reason
why Touch is the way that it is has loads to do with "the
political economy of music," but it's also trying to maintain
the need to "find out," rather than to be spoon-fed."
Doch da Touch-Videos nie auf MTV laufen werden
und dort die Aura des Stars tatsächlich die Aura des Kunstwerks
ersetzt hat, waren die beiden kritischen Denker mit ihrem Kulturpessimismus
wohl doch weitsichtig.
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Aktuelle Touch-Veröffentlichungen
Oren Ambarchi: "Grapes from the
estate"
Töne wie Trauben
Durch die Musik des Australischen Gitarristen
und Perkussionisten Oren Ambarchi wird man zum Zen-Buddhisten.
Leben und Hören im fliessenden Jetzt, während die minimalen
Melodien in Zeitlupe von Moment zu Moment perlen. Auf "Grapes
From The Estate" sind die Töne Trauben, die man sich
Stück für Stück zum Munde führt. Langweilig
wird's dem hellhörigen Traubenpflücker nicht, obwohl
die Instrumentierung nur in zwei der vier Songs des Albums über
die - oftmals unkenntliche - Gitarre hinausgeht. Viel mehr als
punktuell eingesetztes Klavier, scheue Geigen und zarte Perkussion
gibt's aber auch dort nicht zu hören. Das ist auch nicht
weiter schlimm, denn weniger war selten mehr als in dieser schleichenden
Ambient-Metamorphose. Ein bescheidener Geniestreich.
Fennesz Sakamoto: "Sala Santa Cecilia"
Laptop Ouvertüre
Spätestens mit seinem letzten, zu recht
hoch gelobten Album "Venice", wurde Christian Fennesz
zu einem der Aushängeschilder von Touch. Im Gegensatz zu
den klaren und stillen Klängen von Oren Ambarchi setzt Fennesz
auf Lärm und Verzerrung, was sich aber - so unglaublich
es klingen mag - ebenso harmonisch anhört. Etwas vertrackter
gibt sich "Sala Santa Cecilia", ein Mitschnitt des
Romaeuropa Festivals in Rom, das der Österreicher zusammen
mit der japanischen Avantgardelegende Ryuichi Sakamoto mit dieser
Ouvertüre eröffnete. Die Chemie zwischen den beiden
schien während diesen 19 Minuten zu stimmen und es entstand
ein Dialog zwischen zwei Laptops und ihren Manipulatoren, zwischen
den flirrenden Harmonien von Fennesz und all den seltsamen Geräuschen,
die Sakamoto seinem Gerät entlockt. Ein Klangfeuerwerk zwischen
Hörabenteuer und Hörgenuss.
Spire: "Live in the Geneva Cathedral
St. Pierre"
Schwere Kost
Man muss ein Virtuose sein, um sie zu beherrschen.
Ihre brachiale Klanggewalt, die jedem Christen durch Mark und
Bein fährt, ihr riesiges Klangspektrum und ihre Masse machen
die Kirchenorgel zur Königin aller Instrumente - und dafür
kann man sie hassen oder lieben. Meine letzte Begegnung mit ihrer
Majestät war keineswegs in der Kirche, sondern ein DJ Shadow
Stück und das war eigentlich auch mit katholizistisch gefärbter
Kindheit leicht verdaulich. Und nun also dies, ein zweistündiges
Orgelkonzert, aufgenommen in einer Genfer Kathedrale aus dem
12. Jahrhundert. Schwere, sinistre Kost.
Gespielt werden Orgelkompositionen aus der
Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Auf der ersten
CD werden Stücke von Jolivet, Gorécki und anderen
klassischen bis modernen Komponisten gespielt und auf der zweiten
verfremden Philipp Jeck und Fennesz die Orgelklänge mit
elektronischen Mitteln. Was für die Glücklichen, die
in Genf gebannt in den Kirchenbänken sassen, eindrücklich
gewesen sein muss, ist trotzdem wohl nichts, das ich mir diesen
Sommer anhören werde. Vielleicht dann mal im Winter.
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www.touchmusic.org.uk
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