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Nr. 133 / Juli 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Folge 1: Touch
 

Labelserie: Touch
Zwischenwelten

Das englische Label Touch veröffentlicht Musik, die meilenweit von dem entfernt ist, was man sich unter diesem Begriff landläufig vorstellt. Verantwortlich dafür sind Klangkünstler wie Fennesz, Johann Johannson oder Oren Ambarchi, die mit ihren Werken Zwischenwelten von eigentümlicher Anmut und Zeitlosigkeit erschaffen.

Von Ralph Hofbauer.

Eine Touch-CD kann man nicht einfach mal so schnell im Musikgeschäft probehören, indem man sich durch die Songs spult. Dann passiert nämlich in den meisten Fällen gar nichts - und man denkt sich, dass man Stockhausen, John Cage und all diese versponnenen Avantgardisten, denen die Klänge wichtiger sind als die Töne, wohl nie verstehen wird.

Doch legt man sich beispielsweise zu Fennesz' Album "Venice" auf eine Wiese und schliesst die Augen, kann es leicht passieren, dass man sich in die fremde Klangwelt entführen lässt und der Hypnose dieser Musik verfällt. Plötzlich versteht man die Kraft der Klänge und denkt sich, wie wohltuend anders das klingt, als der ganze Popmüll, mit dem wir tagtäglich zugeschüttet werden. Und man fragt sich: Wie kann aus Störgeräuschen etwas so erhaben Schwebendes entstehen?

Touch lotet die Grenzen jener anderen Seite der Musik aus, die man auch "Difficult Listening" nennen könnte. Musik also, bei der sich der Hörer nicht an Rhythmen und Ohrwurmmelodien festhalten kann. Der Katalog des in London ansässigen Labels reicht von den verzerrten Symphonien, die der Österreicher Christian Fennesz mit Laptop und Gitarre erschafft, über die Drones von Biosphere, hin zu den minimalistischen Ambient(t)räumen von Oren Ambarchi. Am äussersten Ende der Skala zur Nicht-Musik figuriert Chris Watson mit seinen Biennale-gekrönten Dokumentationen natürlicher Klangphänomene, wobei man sich natürlich fragen kann, wer - ausser den Kuratoren der Biennale - seine Stereoanlage freiwillig mit Savannengeräuschen füttert. Als Einstieg seien an dieser Stelle deshalb doch eher die im Vergleich dazu geradezu eingängigen Alben des Isländers Johann Johannson empfohlen, dessen Neokammermusik weniger konzeptkünstlerisch, dafür umso ergreifender daherkommt.

Benjamin und Adorno werden Lügen gestraft
Angefangen hat die Geschichte von Touch 1982 in London mit der Idee, ein audiovisuelles Label zu gründen, bei dem Ton, Text und Bild eins sind. In Form von Kassettenmagazinen in post-punkiger D.I.Y-Manier ergänzte man die Musik von New Order, Tuxedemoon, Cabaret Voltaire und The Residents durch visuelle Kunst und Texte von Neville Brody, Jon Savage und Joseph Beuys.

Dieser Anspruch an die optische Komponente der Musik ist für Touch bis heute zentral geblieben. Die CDs des in London ansässigen Labels sind der Traum jedes Discophilen: Keine billigen Plastikhüllen, sondern sorgfältig gestaltete, typografisch schlicht gehaltene Kartonhüllen, die von vollflächigen Fotografien geziert werden, in denen die Natur die bescheidene, aber poetische Hauptrolle spielt. Diese konsequente Verweigerung des Star(körper)kults durch die Verbannung des Menschen vom Cover spiegelt die zeitlose Kraft der auf Touch veröffentlichten Musik wieder, deren Halbwertszeit um eine Ewigkeit höher ist, als diejenige der Popstar-Gesichter. Die Bilder stammen ausschliesslich von Jon Wozencroft, der zusammen mit Mike Harding das Label leitet - und ebenso wie die Musik der Touch-Künstler lassen die Fotos den Betrachter innehalten und staunen.

Es ist diese Aura aus intelligenter Musik und liebevollem Artwork, die jede Touch-Veröffentlichung einzigartig macht und das Label ist deshalb gewissermassen die Antithese zu Walter Benjamins Behauptung, das Kunstwerk verliere im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit seine Aura. Auch Adornos Kulturpessimismus wird durch Touch Lügen gestraft, denn Touch-Produkte fordern einen mündigen Konsumenten, der reflektiert und nicht nur Scheinbedürfnisse stillt. O-Ton Wozencroft:

"I'm gently outraged by the way our culture has sought to erase any engagement with "difficulty." Difficulty is crucial, and ever-present. What could be more difficult than the moral questions posed by genetic engineering? Corporate culture refuses difficulty in favour of infantilism. The reason why Touch is the way that it is has loads to do with "the political economy of music," but it's also trying to maintain the need to "find out," rather than to be spoon-fed."

Doch da Touch-Videos nie auf MTV laufen werden und dort die Aura des Stars tatsächlich die Aura des Kunstwerks ersetzt hat, waren die beiden kritischen Denker mit ihrem Kulturpessimismus wohl doch weitsichtig.

Aktuelle Touch-Veröffentlichungen

 

Oren Ambarchi: "Grapes from the estate"
Töne wie Trauben

Durch die Musik des Australischen Gitarristen und Perkussionisten Oren Ambarchi wird man zum Zen-Buddhisten. Leben und Hören im fliessenden Jetzt, während die minimalen Melodien in Zeitlupe von Moment zu Moment perlen. Auf "Grapes From The Estate" sind die Töne Trauben, die man sich Stück für Stück zum Munde führt. Langweilig wird's dem hellhörigen Traubenpflücker nicht, obwohl die Instrumentierung nur in zwei der vier Songs des Albums über die - oftmals unkenntliche - Gitarre hinausgeht. Viel mehr als punktuell eingesetztes Klavier, scheue Geigen und zarte Perkussion gibt's aber auch dort nicht zu hören. Das ist auch nicht weiter schlimm, denn weniger war selten mehr als in dieser schleichenden Ambient-Metamorphose. Ein bescheidener Geniestreich.

 

Fennesz Sakamoto: "Sala Santa Cecilia"
Laptop Ouvertüre

Spätestens mit seinem letzten, zu recht hoch gelobten Album "Venice", wurde Christian Fennesz zu einem der Aushängeschilder von Touch. Im Gegensatz zu den klaren und stillen Klängen von Oren Ambarchi setzt Fennesz auf Lärm und Verzerrung, was sich aber - so unglaublich es klingen mag - ebenso harmonisch anhört. Etwas vertrackter gibt sich "Sala Santa Cecilia", ein Mitschnitt des Romaeuropa Festivals in Rom, das der Österreicher zusammen mit der japanischen Avantgardelegende Ryuichi Sakamoto mit dieser Ouvertüre eröffnete. Die Chemie zwischen den beiden schien während diesen 19 Minuten zu stimmen und es entstand ein Dialog zwischen zwei Laptops und ihren Manipulatoren, zwischen den flirrenden Harmonien von Fennesz und all den seltsamen Geräuschen, die Sakamoto seinem Gerät entlockt. Ein Klangfeuerwerk zwischen Hörabenteuer und Hörgenuss.

 

Spire: "Live in the Geneva Cathedral St. Pierre"
Schwere Kost

Man muss ein Virtuose sein, um sie zu beherrschen. Ihre brachiale Klanggewalt, die jedem Christen durch Mark und Bein fährt, ihr riesiges Klangspektrum und ihre Masse machen die Kirchenorgel zur Königin aller Instrumente - und dafür kann man sie hassen oder lieben. Meine letzte Begegnung mit ihrer Majestät war keineswegs in der Kirche, sondern ein DJ Shadow Stück und das war eigentlich auch mit katholizistisch gefärbter Kindheit leicht verdaulich. Und nun also dies, ein zweistündiges Orgelkonzert, aufgenommen in einer Genfer Kathedrale aus dem 12. Jahrhundert. Schwere, sinistre Kost.

Gespielt werden Orgelkompositionen aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Auf der ersten CD werden Stücke von Jolivet, Gorécki und anderen klassischen bis modernen Komponisten gespielt und auf der zweiten verfremden Philipp Jeck und Fennesz die Orgelklänge mit elektronischen Mitteln. Was für die Glücklichen, die in Genf gebannt in den Kirchenbänken sassen, eindrücklich gewesen sein muss, ist trotzdem wohl nichts, das ich mir diesen Sommer anhören werde. Vielleicht dann mal im Winter.

www.touchmusic.org.uk


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