AKTUELL   ARCHIV & SUCHE   NEWSLETTER   INFOS   KONTAKT

Nr. 131 / Mai 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

AUFHÄNGER    INTERVIEWS    NEUHEITEN    KOLUMNEN    MEILENSTEINE    KONZERTE

 

« ZURÜCK

 

WEITER »

Ohrwurm
Unter dem Strich
 

Unter dem Strich
Me and Michael Jackson

Von Lukas Hunziker.

Ich und Michael Jackson standen uns nie wirklich nahe. Ich habe mir zwar in jenem dunkeln Kapitel meiner Existenz, welche andere euphemistisch Pubertät nannten, auf ein paar Bravo-Hits CDs mit angehört, wie er die Welt ein kleines bisschen besser machen wollte. Vielleicht habe ich auch mal zu einem seiner Schmusesongs steif und mit ungeschickt übermalten Pickeln mit jener seltsamen Spezies getanzt, welche andere euphemistisch Mädchen nannten. Aber eigentlich wusste ich von ihm nur aus unzuverlässigen Quellen, dass er einmal schwarz war und diesen offensichtlich fatalen Schönheitsfehler von einem offensichtlich blinden und unter schweren Zuckungen leidenden Chirurgen korrigieren liess. Aber dass er ein Kinderliebhaber war, davon hatte ich keine Ahnung.

Da ich aber eine E-Mail-Adresse bei GMX zu bewirten pflege und diese nette Website darauf bedacht ist, die Startseite ihrer Kunden stets mit den neusten Nachrichten zu füttern, gelingt es mir nicht mehr, die wirklich grossen Ereignisse der heutigen Zeit erfolgreich zu ignorieren. Und wenn jeden Tag eine Meldung über den bösen Michael kommt, den ich ja eben kaum kenne, klicke auch ich mal auf dieses Nachrichtenfenster. Was ich da lese, finde ich dann doch interessant: der King of Pop hat Sex mit Kindern. Zumindest behauptet das wieder einmal jemand. Er selbst spricht von einer Verschwörung, die gegen ihn im Gange ist. Die Fans, wie die Spezies dieser willenlosen Zombies euphemistisch genannt wird, sind von seiner Unschuld schon aus Prinzip überzeugt. Wer so schön singt, kann doch nicht so etwas Unanständiges tun. Oder doch?

Eigentlich gibt es im Jacksonfall genau zwei Möglichkeiten. Entweder, er ist schuldig, oder eben nicht. So einfach ist das. Überlegen wir uns einmal, was jede dieser Möglichkeiten für Konsequenzen hätte.

Sollte Jackson unschuldig sein, dann kann er einem wirklich Leid tun. Besonders, falls er dafür verurteilt wird. Da will man einem krebskranken Kind helfen und als Dank geht man bis zu 20 Jahren hinter schwedische Gardinen. Vor zwölf Jahren musste Jackson für seine Liebe nur ein paar Millionen hinblättern, was ja in Anbetracht seines riesigen Vermögens noch fast fair ist. Aber unschuldig plötzlich zu "Jailhouse Rock" verdonnert zu werden, nein, fein wäre das nicht. Doch auch wenn Michael freigesprochen wird, spricht einiges dafür, dass die Karriere des King of Pop unter den Vorwürfen leiden oder gar ihr Ende finden wird. Ein unschuldiger Schwarzer in Amerikas Gefängnis mehr. Und dann sogar noch ein weisser Schwarzer.

Viel interessanter ist jedoch die zweite Möglichkeit. Wenn Jackson schuldig ist und verurteilt wird, ist der Skandal perfekt. Einer der grössten Musiker des Jahrhunderts wegen Kindesmissbrauch im Gefängnis; ist das an Sensation noch zu toppen? Was werden die Fans dann tun? Einen Tunnel zu ihrem Helden ins Gefängnis graben, ihn in ein fernes Land schleppen, wo er in einem Luftschutzkeller für seine Befreier tagtäglich "Thriller" singt? Werden sie mit ihm in einer Rakete die Erde verlassen um auf einem fremden Planeten (am besten jenem, auf welchem Außerirdische Elvis gefangen halten) eine neue Zivilisation aufzubauen? Oder werden seine Fans von ihm abfallen und Britney zur Queen of Pop erklären?

Ich gebe zu, Michael steckt ziemlich in der Scheisse. Auch wenn ich ihn nicht kenne, da ich meine so genannte Pubertät erfolgreich verdrängt habe, möchte ich ihm helfen. Also Michael, ich habe mir einen kleinen Trost für dich ausgedacht, an den du dich erinnern kannst, wenn du verurteilt wirst:

Sieh die Sache so: Marilyn Manson hat seinen Namen mit der Überlegung gewählt, dass der Name zwei grosse Aspekte Amerikas verkörpert. Der Vorname den Schönheitskult in der Gestalt Marilyn Monroes, der Nachname die Destruktion in der Gestalt des Massenmörders Charles Manson. Eine Metapher also. Aber du, lieber Michael, schlägst Manson bei weitem. Du verkörperst die Unterdrückung der Schwarzen, indem du dich zum Weissen machtest. Du verkörperst den Schönheitskult Amerikas, der die Amerikaner zu wandelnden, charakterlosen Masken werden lässt. Du verkörperst den American Dream, da du dich aus einer armen Familie zu einer Ikone hochgearbeitet hast. Und du verkörperst den American Nightmare, in welchem man sich gegen Geld lange nicht für Straftaten rechtfertigen musste. Als Metapher für Amerika schlägst du Marilyn Manson bei Weitem. Du bist Amerika. Nur, dass du für deine Taten nicht mit einem blauen Auge davonkommst.


« ZURÜCK

NACH OBEN

WEITER »

Erscheint jeden Monat am 3. neu.

© 2000 - 2005 "DAS NETZMAGAZIN." Alle Rechte vorbehalten.