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Unter dem Strich
Me and Michael Jackson
Von Lukas Hunziker.
Ich und Michael Jackson standen uns nie
wirklich nahe. Ich habe mir zwar in jenem dunkeln Kapitel meiner
Existenz, welche andere euphemistisch Pubertät nannten,
auf ein paar Bravo-Hits CDs mit angehört, wie er die Welt
ein kleines bisschen besser machen wollte. Vielleicht habe ich
auch mal zu einem seiner Schmusesongs steif und mit ungeschickt
übermalten Pickeln mit jener seltsamen Spezies getanzt,
welche andere euphemistisch Mädchen nannten. Aber eigentlich
wusste ich von ihm nur aus unzuverlässigen Quellen, dass
er einmal schwarz war und diesen offensichtlich fatalen Schönheitsfehler
von einem offensichtlich blinden und unter schweren Zuckungen
leidenden Chirurgen korrigieren liess. Aber dass er ein Kinderliebhaber
war, davon hatte ich keine Ahnung.
Da ich aber eine E-Mail-Adresse bei GMX zu
bewirten pflege und diese nette Website darauf bedacht ist, die
Startseite ihrer Kunden stets mit den neusten Nachrichten zu
füttern, gelingt es mir nicht mehr, die wirklich grossen
Ereignisse der heutigen Zeit erfolgreich zu ignorieren. Und wenn
jeden Tag eine Meldung über den bösen Michael kommt,
den ich ja eben kaum kenne, klicke auch ich mal auf dieses Nachrichtenfenster.
Was ich da lese, finde ich dann doch interessant: der King of
Pop hat Sex mit Kindern. Zumindest behauptet das wieder einmal
jemand. Er selbst spricht von einer Verschwörung, die gegen
ihn im Gange ist. Die Fans, wie die Spezies dieser willenlosen
Zombies euphemistisch genannt wird, sind von seiner Unschuld
schon aus Prinzip überzeugt. Wer so schön singt, kann
doch nicht so etwas Unanständiges tun. Oder doch?
Eigentlich gibt es im Jacksonfall genau zwei
Möglichkeiten. Entweder, er ist schuldig, oder eben nicht.
So einfach ist das. Überlegen wir uns einmal, was jede dieser
Möglichkeiten für Konsequenzen hätte.
Sollte Jackson unschuldig sein, dann kann
er einem wirklich Leid tun. Besonders, falls er dafür verurteilt
wird. Da will man einem krebskranken Kind helfen und als Dank
geht man bis zu 20 Jahren hinter schwedische Gardinen. Vor zwölf
Jahren musste Jackson für seine Liebe nur ein paar Millionen
hinblättern, was ja in Anbetracht seines riesigen Vermögens
noch fast fair ist. Aber unschuldig plötzlich zu "Jailhouse
Rock" verdonnert zu werden, nein, fein wäre das nicht.
Doch auch wenn Michael freigesprochen wird, spricht einiges dafür,
dass die Karriere des King of Pop unter den Vorwürfen leiden
oder gar ihr Ende finden wird. Ein unschuldiger Schwarzer in
Amerikas Gefängnis mehr. Und dann sogar noch ein weisser
Schwarzer.
Viel interessanter ist jedoch die zweite Möglichkeit.
Wenn Jackson schuldig ist und verurteilt wird, ist der Skandal
perfekt. Einer der grössten Musiker des Jahrhunderts wegen
Kindesmissbrauch im Gefängnis; ist das an Sensation noch
zu toppen? Was werden die Fans dann tun? Einen Tunnel zu ihrem
Helden ins Gefängnis graben, ihn in ein fernes Land schleppen,
wo er in einem Luftschutzkeller für seine Befreier tagtäglich
"Thriller" singt? Werden sie mit ihm in einer Rakete
die Erde verlassen um auf einem fremden Planeten (am besten jenem,
auf welchem Außerirdische Elvis gefangen halten) eine neue
Zivilisation aufzubauen? Oder werden seine Fans von ihm abfallen
und Britney zur Queen of Pop erklären?
Ich gebe zu, Michael steckt ziemlich in der
Scheisse. Auch wenn ich ihn nicht kenne, da ich meine so genannte
Pubertät erfolgreich verdrängt habe, möchte ich
ihm helfen. Also Michael, ich habe mir einen kleinen Trost für
dich ausgedacht, an den du dich erinnern kannst, wenn du verurteilt
wirst:
Sieh die Sache so: Marilyn Manson hat seinen
Namen mit der Überlegung gewählt, dass der Name zwei
grosse Aspekte Amerikas verkörpert. Der Vorname den Schönheitskult
in der Gestalt Marilyn Monroes, der Nachname die Destruktion
in der Gestalt des Massenmörders Charles Manson. Eine Metapher
also. Aber du, lieber Michael, schlägst Manson bei weitem.
Du verkörperst die Unterdrückung der Schwarzen, indem
du dich zum Weissen machtest. Du verkörperst den Schönheitskult
Amerikas, der die Amerikaner zu wandelnden, charakterlosen Masken
werden lässt. Du verkörperst den American Dream, da
du dich aus einer armen Familie zu einer Ikone hochgearbeitet
hast. Und du verkörperst den American Nightmare, in welchem
man sich gegen Geld lange nicht für Straftaten rechtfertigen
musste. Als Metapher für Amerika schlägst du Marilyn
Manson bei Weitem. Du bist Amerika. Nur, dass du für deine
Taten nicht mit einem blauen Auge davonkommst.
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