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Ohrwurm
Höllenakkordeon
Von Sonja Valentino.
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Damit das klar ist, ich hab nichts gegen
Strassenmusikanten. Nein, absolut nicht. Sie spielen, ich geh
vorbei. Ich lasse sie in Ruhe, sie mich. Das klappt ausgezeichnet.
Ja, und manchmal, wenn sich mein spärliches Budget mehrheitlich
aus Münzen zusammensetzt und sich griffbereit in den Hosentaschen
sammelt, kann es durchaus vorkommen, dass ich ein besonders bedürftiges
Exemplar von Strassenmusikant finanziell unterstütze. Doch
auch nur dann, wenn das Geldauffangbehältnis gross genug
und gut gelegen, also auch von mir zu treffen ist. Man möchte
ja ungern seinen gönnerhaften Akt durch einen Scheisswurf
neben den Hut, oder so, ins Lächerliche ziehen. Besorgt
dies doch schon die Höhe des gespendeten Betrages. Aber
he, ich bin auch nur Studentin oder etwas in der Art.
Doch letzthin, bei einem Essen mit den Mädels aus meiner
FHA-Vergangenheit*, war alles anders. Da war nichts mit vorbeilaufen
und von in Ruhe gelassen werden schon gar nicht.
Wir verabredeten uns in einem kleinen aber feinen Restaurant
in der Aarauer Innenstadt. Nachdem wir fünf es uns, nach
einigem Stühlerücken, an einem Vierertisch gemütlich
gemacht hatten, liessen wir unserer guten Laune freien Lauf und
tratschten, was das Zeug hielt. Wie nicht anders zu erwarten,
hatten wir alle was zu erzählen, was zu kichern, nicht selten
gleichzeitig. Und wie wir so kicherten und erzählten, da
stand er plötzlich in der Tür, riesig, mindestens so
gross wie ich, lächelnd und mit einer Handorgel bestückt.
Und bevor wir auch nur ein Wort zu seinem unerwarteten Erscheinen
bemerken konnten, fing er auch gleich an, voller Innbrunst auf
seinem Instrument zu spielen. Er zog und drückte, als gäb's
kein Morgen mehr.
Die unverhoffte Lautstärke und der Stil des gewählten
Musikstückes liessen uns allesamt kurz zusammenzucken und,
natürlich, kichern. Noch. Denn als sein Programm kein Ende
zu nehmen schien, war's aus mit der Fröhlichkeit. Augen
fingen zu rollen an und Köpfe wurden ab soviel akustischer
Penetranz geschüttelt.
Da ich etwas ungünstig sass, sprich an einem improvisierten
Platz am Kopfende des Tisches, traf die unerhörte Beschallung
frontal auf mein rechtes Ohr. Sie füllte meinen Kopf und
liess mich weder die Mädels, noch meine eigenen Gedanken
verstehen. Mir war, als müsst ich in einem Meer von Polka-,
und Ländlerklängen ertrinken und weit und breit kein
Rettungsboot in Sicht. Nicht das kleinste Ohropax, keine durchgreifende
Restaurantbesitzerin. Nichts.
Ich sass also da und schwankte und drohte vom Stuhl zu kippen,
als ich von weit her, einem Ort der Stille, eine aufdringlich
nette Stimme vernahm. Ob wir denn etwas für die Musik bezahlen
möchten, sprach sie. Alle haben wir geschwiegen und auf
die Stelle geschaut, auf der in wenigen Minuten unsere Teller
dampfen würden.
Dieser Akt der meditativen Verweigerung dauerte nicht mehr als
zwei Sekunden, fühlte sich aber wesentlich länger an.
Wir entdeckten Webunebenheiten auf dem Tischtuch und liessen
hie und da etwas Röte zu. Teils aus Erbostheit, teils aus
Beklemmung.
Er ging weiter, das schlechte Gewissen blieb, zumindest bei mir,
ein klein wenig, für einige Sekunden.
*Damals an der Fachhochschule Aargau
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