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Nr. 131 / Mai 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ohrwurm
Unter dem Strich
 

Ohrwurm
Höllenakkordeon

Von Sonja Valentino.

Damit das klar ist, ich hab nichts gegen Strassenmusikanten. Nein, absolut nicht. Sie spielen, ich geh vorbei. Ich lasse sie in Ruhe, sie mich. Das klappt ausgezeichnet. Ja, und manchmal, wenn sich mein spärliches Budget mehrheitlich aus Münzen zusammensetzt und sich griffbereit in den Hosentaschen sammelt, kann es durchaus vorkommen, dass ich ein besonders bedürftiges Exemplar von Strassenmusikant finanziell unterstütze. Doch auch nur dann, wenn das Geldauffangbehältnis gross genug und gut gelegen, also auch von mir zu treffen ist. Man möchte ja ungern seinen gönnerhaften Akt durch einen Scheisswurf neben den Hut, oder so, ins Lächerliche ziehen. Besorgt dies doch schon die Höhe des gespendeten Betrages. Aber he, ich bin auch nur Studentin oder etwas in der Art.
Doch letzthin, bei einem Essen mit den Mädels aus meiner FHA-Vergangenheit*, war alles anders. Da war nichts mit vorbeilaufen und von in Ruhe gelassen werden schon gar nicht.
Wir verabredeten uns in einem kleinen aber feinen Restaurant in der Aarauer Innenstadt. Nachdem wir fünf es uns, nach einigem Stühlerücken, an einem Vierertisch gemütlich gemacht hatten, liessen wir unserer guten Laune freien Lauf und tratschten, was das Zeug hielt. Wie nicht anders zu erwarten, hatten wir alle was zu erzählen, was zu kichern, nicht selten gleichzeitig. Und wie wir so kicherten und erzählten, da stand er plötzlich in der Tür, riesig, mindestens so gross wie ich, lächelnd und mit einer Handorgel bestückt. Und bevor wir auch nur ein Wort zu seinem unerwarteten Erscheinen bemerken konnten, fing er auch gleich an, voller Innbrunst auf seinem Instrument zu spielen. Er zog und drückte, als gäb's kein Morgen mehr.
Die unverhoffte Lautstärke und der Stil des gewählten Musikstückes liessen uns allesamt kurz zusammenzucken und, natürlich, kichern. Noch. Denn als sein Programm kein Ende zu nehmen schien, war's aus mit der Fröhlichkeit. Augen fingen zu rollen an und Köpfe wurden ab soviel akustischer Penetranz geschüttelt.
Da ich etwas ungünstig sass, sprich an einem improvisierten Platz am Kopfende des Tisches, traf die unerhörte Beschallung frontal auf mein rechtes Ohr. Sie füllte meinen Kopf und liess mich weder die Mädels, noch meine eigenen Gedanken verstehen. Mir war, als müsst ich in einem Meer von Polka-, und Ländlerklängen ertrinken und weit und breit kein Rettungsboot in Sicht. Nicht das kleinste Ohropax, keine durchgreifende Restaurantbesitzerin. Nichts.
Ich sass also da und schwankte und drohte vom Stuhl zu kippen, als ich von weit her, einem Ort der Stille, eine aufdringlich nette Stimme vernahm. Ob wir denn etwas für die Musik bezahlen möchten, sprach sie. Alle haben wir geschwiegen und auf die Stelle geschaut, auf der in wenigen Minuten unsere Teller dampfen würden.
Dieser Akt der meditativen Verweigerung dauerte nicht mehr als zwei Sekunden, fühlte sich aber wesentlich länger an. Wir entdeckten Webunebenheiten auf dem Tischtuch und liessen hie und da etwas Röte zu. Teils aus Erbostheit, teils aus Beklemmung.
Er ging weiter, das schlechte Gewissen blieb, zumindest bei mir, ein klein wenig, für einige Sekunden.

*Damals an der Fachhochschule Aargau


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