AKTUELL   ARCHIV & SUCHE   NEWSLETTER   INFOS   KONTAKT

Nr. 131 / Mai 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

AUFHÄNGER    INTERVIEWS    NEUHEITEN    KOLUMNEN    MEILENSTEINE    KONZERTE

 

« ZURÜCK

 

WEITER »

EKR
Afrob
 

Der Schweizer König in einem ausführlichen (Grundsatz-)-Gespräch über sich und den Hip Hop
Blinder Optimist und hoffnungsloser Fantast: EKR

Immer neu, immer bewährt: EKR ist Mundart-Pionier und Schweizer Style-König. Wir traffen Thomas Bollinger anlässlich der Elements Reunion Tour für ein paar Fragen, die in eine Diskussion ausuferten.

Von Gregor Frei und David Baud (Fotos).

Das Netzmagazin: EKR - Ein König Regiert. Könige haben selten Konkurrenz. Wie sieht das bei dir aus?

EKR: Die Wahl des Namens "König" ist sehr durch das Denken der Hip-Hop-Philosophie geprägt: Weniger im Sinne eines aristokratischen Herrschers als im Sinne eines Stammeschefs in der Tradition des afrikanischen Denkens, wo mehrere Könige ko-existieren können. Wer in der Hip-Hop-Kultur etwas Grosses leistet - der DJ, der stundenlang auflegt, der Sprayer, der soundsoviele Wände bemalt, etc. - bekommt weder einen goldenen Mantel noch einen Auftritt im Fernsehen, sondern eben den Respekt seiner Crew, in der er dann der König ist. In diesem Denken habe ich den Begriff "König" gewählt, er bringt also nichts Ausschliessendes mit sich. Ich regiere mit Kreativität, nicht mit Macht. Aber um zur Frage zurückzukommen: Natürlich habe ich Konkurrenz. Sie ist gut und wichtig. Wo mehr Leute was machen, steigt die Qualität. Deshalb ist in den USA der Rap auch auf so hohem Niveau.

Als du mit Rap angefangen hast, warst du wohl tatsächlich noch König - zumindest in der Schweiz. Wie hat sich deine Stellung inzwischen geändert?

Früher war die ganze Szene gedanklich noch viel verbundener durch diesen New Yorker Gedanken vom Hip Hop: Der Respekt und der ganze Umgang untereinander war schon noch was sehr Spezielles. Man war halt auch viel mehr aufeinander angewiesen: Wer Beats, Farben oder was auch immer suchte, musste zuerst einmal in die Szene reinkommen. Das Ganze war viel familiärer als heute. Man kann das mit einem kleinen italienischen Dorf vergleichen: Der eine, der alles weiss, alles organisieren und den Leuten helfen kann, ist der "Capo". In der Hip-Hop-Szene war das ähnlich. Heute ist die ganze Szene viel loser, weil man nicht mehr aufeinander angewiesen ist. Deshalb erscheint es heute auch viel absurder, jemanden einen König zu nennen, man hat ja gar nichts miteinander zu tun. Früher war es viel intimer, jeder wusste, was der andere macht. Heute hat jeder Zugang zum Hip Hop, man ist also nicht aufeinander angewiesen.

Wie beurteilst du diese Entwicklung?

Viele meiner Generation motzen voll rum im Stil von "isch doch alles scheisse und oberflächlich". Dabei haben wir früher genau von Vielem geträumt, das sich nun realisiert hat: dass du deine Klamotten überall kaufen kannst, oder dass du nicht mehr um die halbe Welt reisen musst, um ein geiles Tape zu hören, oder dass du in einen normalen Club gehen kannst, ohne gleich rausgeschmissen zu werden wegen deinem Aussehen. Heute läuft fast in jedem Club Hip Hop und alle beklagen sich darüber. Klar ist es populär und oberflächlich geworden, klar geht es um nichts. Aber wenn etwas grösser wird, wird es nun einmal oberflächlicher. Nur weil du im Globus Pullis mit Graffitis drauf kaufen kannst, heisst das aber nicht, dass es nicht immer noch Leute gibt, die den Hip Hop sehr ernst nehmen und sich damit auseinandersetzen. Die sind einfach visuell nicht so auffällig, nicht so plakativ. Die sitzen in ihrem Keller und arbeiten an ihrem fetten Projekt. Hip Hop als Subkultur, der Unterbau, wird immer bleiben. Die Popularitätswelle hingegen hat noch nicht ihren Höhepunkt erreicht, wird aber wieder verschwinden.

Wie wirkt sich diese gesteigerte Popularität des Hip Hops auf die Arbeitsweise des Rap-Künstlers aus?

Ich denke in den Staaten und auch in Frankreich und Deutschland, wo der Markt vorhanden ist, verändert sich das individuelle Schaffen der Artists schon. Aber in der Schweiz ist diese Veränderung noch nicht wirklich passiert. Kuchikäschtli hat Gold geholt, aber auch das ist noch nicht krass und wird schwer zu wiederholen sein. Von dem her ist es in unserem Land gar nicht erst möglich, sein künstlerisches Schaffen auf den finanziellen Profit auszurichten. Wobei, wenn man bedenkt, dass drei Viertel in diesem Land eh nur fürs Geld leben...

Wie gehst du persönlich mit den neuen Möglichkeiten des Rap-Marktes um?

Natürlich habe ich auch schon Lieder gemacht, von denen ich mir erhofft habe, dass sie besser laufen. Aber im Grossen und Ganzen hatte ich nie das Ziel, 8 von 10 Leuten zu befriedigen. Ich sah Hip Hop schon immer als etwas Schräges und mehr gegen als für die Masse, als Werkzeug für den Widerstand, gegen das blinde Konsumieren und stupide Mitschwimmen. Hip Hop ist für mich Gegenkultur. Jetzt ist alles verschoben: Hip Hop ist der Mainstream. Dieselben 7 von 10 Leuten, die vorher Rap schlecht fanden, finden ihn jetzt voll geil. Somit ist der Hip Hop ein bisschen in einer schizophrenen Position: Auf der einen Seite Rapper, welche weltweit Nummer 1 sind, auf der anderen Seite Unmengen von MCs, die sich genau gegen diese Massenbeliebtheit wehren.

Wenn Hip Hop eine Gegenkultur sein soll, woher soll es dann seine finanzielle Grundlage nehmen?

In den Staaten genügt es, wenn deine Platte einer Person aus tausend gefällt. Auf die ganze Bevölkerung hochgerechnet hast du trotzdem noch genug, um zu leben, um zu funktionieren.
Hier in der Schweiz hast du halt nicht einmal diese Grundlage. Zwischendurch kommen ein paar Fränkli rein, aber es ist und bleibt ein Hobby. Wobei ich diesbezüglich ein blinder Optimist und ein hoffnungsloser Fantast bin. Wenn man Aufwand und Ertrag auf einer Excel-Tabelle analysiert, macht meine Tätigkeit keinen Sinn, jedem Büromensch käme das blanke Grauen. Ich mache trotzdem weiter. Ich werde immer Kunst machen, mich immer irgendwie ausdrücken. Zum Glück ist das Leben ja keine Excel-Tabelle. Es kommt viel zurück, halt nicht in Form von Materiellem, aber in der Luft oder was weiss ich.

Hast du nie den Drang, diese Excel-Tabelle auszugleichen?

Nein. Wobei es schon sehr schwierig ist. Wenn du mit Labels verhandelst und in irgendwelchen edlen Sesseln und fetten Sofas mit den Chefs nur über Verkaufszahlen und neue Strategien sprichst, nimmt es dich schnell einmal in diesen Wirbel von Tantiemen, Zahlen und so rein und du vergisst, dass du eigentlich nur rappen wolltest. Es ist nur gut, was Erfolg hat. Man spricht nicht über Musik, sondern über Verkaufszahlen. In diesem Bereich musste ich lernen, mich nicht mit Usher zu vergleichen, das macht mich höchstens fertig. Es ist genau das Gleiche wie beim Fleisch: Man kann auch nicht Bio-Fleisch mit einem Cheeseburger vergleichen. Ich wollte auch nie zum Cheeseburger werden. Fame kann mir gestohlen bleiben. Was ich mache, ist irgendwo im Bereich von Kleinkunst oder Poesie auf Beats. Aber das kann man ja niemandem sagen. Jeder zweite Homeboy sagt dann "Han gmäint du machsch Rap?".

Wenn überhaupt, welches Ziel verfolgst du denn mit deiner Musik?

Ich will unterhalten und das Hirn anregen. Und Schubladenwände aufreissen. Das Hören meiner Lieder soll eine lustige Achterbahnfahrt sein - durch Wörter, Sinnverschiebungen, Gedankenströme und Brücken. Grosse Aussagen oder so strebe ich nicht an, weil ich nicht daran glaube, dass sich dadurch was verändern lassen würde. Auch will ich eher Reibung als Genuss auslösen. Manchmal stelle ich dem Hörer auch gerne Puzzle-Aufgaben und nicht zuletzt provoziere ich ihn gerne.

Zum Schluss: Was für ein Verhältnis hast du zu deiner Mutter?

Ein gutes! Meine Lieder beeinträchtigen meine Beziehung zu ihr zum Glück nicht. Aber mein Sound findet sie schon nicht so geil. Allgemein findet sie Rap ziemlich scheisse.

www.familiebetrieb.ch

Elements Reunion | Bierhübeli, Bern, 14. Januar 2005
Familiär

Was passiert, wenn ein Beat-Produzent die Idee hat, verschiedene Leute aus verschiedenen Bereichen zu einem Projekt zu vereinigen? Konzertabende mit einem Riesenhaufen an aktiven Hip-Hop-Künstlern, die sich die Bühne teilen: Crossroad mit Breakdance, Apache Cream mit melodiösem Rap, Marx Attax mit fadengeradem Rap, Mc Rony mit düsterem Rap, Black Tiger mit Rap voll Power und Funk, und dann noch EKR, der an diesem Abend wieder einmal bewies, dass er nicht nur König heisst, sondern auch König ist: Jedes Mal wenn er das Mik in die Hand bekam, zündete er ein neues Feuer, jede Zeile zündete in die Bierhübeli-Halle wie ein Blitz in den Horizont.

Wortwitzig und durchdacht, aggressiv und überraschend, immer frisch und agierend. Ein Mann auf der Bühne wie eine Droge: "Stellet mich als wiises Pulver imne Seckli vor", sagte er plötzlich zum Publikum. Und das Folgende Lied bewies es: EKRs Wirkung ist tatsächlich wie eine Droge. Nur dass seine Wirkung nicht schädlich ist. Der Zürcher liess das Berner Publikum ganz nahe an sich ran, wofür es sich auch bedankte: Nach zweieinhalb Stunden abwechslungsreichster Show riefen die Leute nicht "Zu-ga-be", sondern "E-K-R". Und mit einem schelmisch-zufriedenen Lächeln kam Eki noch einmal zurück und kickte die letzten knallharten kreativen Ergüsse.

Ein brutal feiner Konzertabend mit wenig Publikum aber umso mehr familiärem Spirit. Black Tiger, neben EKR der zweite Urvater des Mundartraps, rappte sich durchs ganze Publikum und alle waren sich einig, als der Basler fragte: "Ok für di?" - "OK für mi!", schrie die ganze Familie zurück. So gut echt und nahe lässt sich der Hip Hop in Bern selten fühlen. Elements reunited.

www.bierhuebeli.ch
www.elementsreunion.ch


« ZURÜCK

NACH OBEN

WEITER »

Erscheint jeden Monat am 3. neu.

© 2000 - 2005 "DAS NETZMAGAZIN." Alle Rechte vorbehalten.