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Der Schweizer König in einem ausführlichen
(Grundsatz-)-Gespräch über sich und den Hip Hop
Blinder Optimist und hoffnungsloser Fantast: EKR
Immer neu, immer bewährt: EKR ist
Mundart-Pionier und Schweizer Style-König. Wir traffen Thomas
Bollinger anlässlich der Elements Reunion Tour für
ein paar Fragen, die in eine Diskussion ausuferten.
Von Gregor Frei und David Baud (Fotos).
Das Netzmagazin: EKR - Ein König
Regiert. Könige haben selten Konkurrenz. Wie sieht das bei
dir aus?
EKR: Die Wahl des Namens "König"
ist sehr durch das Denken der Hip-Hop-Philosophie geprägt:
Weniger im Sinne eines aristokratischen Herrschers als im Sinne
eines Stammeschefs in der Tradition des afrikanischen Denkens,
wo mehrere Könige ko-existieren können. Wer in der
Hip-Hop-Kultur etwas Grosses leistet - der DJ, der stundenlang
auflegt, der Sprayer, der soundsoviele Wände bemalt, etc.
- bekommt weder einen goldenen Mantel noch einen Auftritt im
Fernsehen, sondern eben den Respekt seiner Crew, in der er dann
der König ist. In diesem Denken habe ich den Begriff "König"
gewählt, er bringt also nichts Ausschliessendes mit sich.
Ich regiere mit Kreativität, nicht mit Macht. Aber um zur
Frage zurückzukommen: Natürlich habe ich Konkurrenz.
Sie ist gut und wichtig. Wo mehr Leute was machen, steigt die
Qualität. Deshalb ist in den USA der Rap auch auf so hohem
Niveau.
Als du mit Rap angefangen hast, warst du
wohl tatsächlich noch König - zumindest in der Schweiz.
Wie hat sich deine Stellung inzwischen geändert?
Früher war die ganze Szene gedanklich
noch viel verbundener durch diesen New Yorker Gedanken vom Hip
Hop: Der Respekt und der ganze Umgang untereinander war schon
noch was sehr Spezielles. Man war halt auch viel mehr aufeinander
angewiesen: Wer Beats, Farben oder was auch immer suchte, musste
zuerst einmal in die Szene reinkommen. Das Ganze war viel familiärer
als heute. Man kann das mit einem kleinen italienischen Dorf
vergleichen: Der eine, der alles weiss, alles organisieren und
den Leuten helfen kann, ist der "Capo". In der Hip-Hop-Szene
war das ähnlich. Heute ist die ganze Szene viel loser, weil
man nicht mehr aufeinander angewiesen ist. Deshalb erscheint
es heute auch viel absurder, jemanden einen König zu nennen,
man hat ja gar nichts miteinander zu tun. Früher war es
viel intimer, jeder wusste, was der andere macht. Heute hat jeder
Zugang zum Hip Hop, man ist also nicht aufeinander angewiesen.
Wie beurteilst du diese Entwicklung?
Viele meiner Generation motzen voll rum im
Stil von "isch doch alles scheisse und oberflächlich".
Dabei haben wir früher genau von Vielem geträumt, das
sich nun realisiert hat: dass du deine Klamotten überall
kaufen kannst, oder dass du nicht mehr um die halbe Welt reisen
musst, um ein geiles Tape zu hören, oder dass du in einen
normalen Club gehen kannst, ohne gleich rausgeschmissen zu werden
wegen deinem Aussehen. Heute läuft fast in jedem Club Hip
Hop und alle beklagen sich darüber. Klar ist es populär
und oberflächlich geworden, klar geht es um nichts. Aber
wenn etwas grösser wird, wird es nun einmal oberflächlicher.
Nur weil du im Globus Pullis mit Graffitis drauf kaufen kannst,
heisst das aber nicht, dass es nicht immer noch Leute gibt, die
den Hip Hop sehr ernst nehmen und sich damit auseinandersetzen.
Die sind einfach visuell nicht so auffällig, nicht so plakativ.
Die sitzen in ihrem Keller und arbeiten an ihrem fetten Projekt.
Hip Hop als Subkultur, der Unterbau, wird immer bleiben. Die
Popularitätswelle hingegen hat noch nicht ihren Höhepunkt
erreicht, wird aber wieder verschwinden.
Wie wirkt sich diese gesteigerte Popularität
des Hip Hops auf die Arbeitsweise des Rap-Künstlers aus?
Ich denke in den Staaten und auch in Frankreich
und Deutschland, wo der Markt vorhanden ist, verändert sich
das individuelle Schaffen der Artists schon. Aber in der Schweiz
ist diese Veränderung noch nicht wirklich passiert. Kuchikäschtli
hat Gold geholt, aber auch das ist noch nicht krass und wird
schwer zu wiederholen sein. Von dem her ist es in unserem Land
gar nicht erst möglich, sein künstlerisches Schaffen
auf den finanziellen Profit auszurichten. Wobei, wenn man bedenkt,
dass drei Viertel in diesem Land eh nur fürs Geld leben...
Wie gehst du persönlich mit den
neuen Möglichkeiten des Rap-Marktes um?
Natürlich habe ich auch schon Lieder
gemacht, von denen ich mir erhofft habe, dass sie besser laufen.
Aber im Grossen und Ganzen hatte ich nie das Ziel, 8 von 10 Leuten
zu befriedigen. Ich sah Hip Hop schon immer als etwas Schräges
und mehr gegen als für die Masse, als Werkzeug für
den Widerstand, gegen das blinde Konsumieren und stupide Mitschwimmen.
Hip Hop ist für mich Gegenkultur. Jetzt ist alles verschoben:
Hip Hop ist der Mainstream. Dieselben 7 von 10 Leuten, die vorher
Rap schlecht fanden, finden ihn jetzt voll geil. Somit ist der
Hip Hop ein bisschen in einer schizophrenen Position: Auf der
einen Seite Rapper, welche weltweit Nummer 1 sind, auf der anderen
Seite Unmengen von MCs, die sich genau gegen diese Massenbeliebtheit
wehren.
Wenn Hip Hop eine Gegenkultur sein soll,
woher soll es dann seine finanzielle Grundlage nehmen?
In den Staaten genügt es, wenn deine
Platte einer Person aus tausend gefällt. Auf die ganze Bevölkerung
hochgerechnet hast du trotzdem noch genug, um zu leben, um zu
funktionieren.
Hier in der Schweiz hast du halt nicht einmal diese Grundlage.
Zwischendurch kommen ein paar Fränkli rein, aber es ist
und bleibt ein Hobby. Wobei ich diesbezüglich ein blinder
Optimist und ein hoffnungsloser Fantast bin. Wenn man Aufwand
und Ertrag auf einer Excel-Tabelle analysiert, macht meine Tätigkeit
keinen Sinn, jedem Büromensch käme das blanke Grauen.
Ich mache trotzdem weiter. Ich werde immer Kunst machen, mich
immer irgendwie ausdrücken. Zum Glück ist das Leben
ja keine Excel-Tabelle. Es kommt viel zurück, halt nicht
in Form von Materiellem, aber in der Luft oder was weiss ich.
Hast du nie den Drang, diese Excel-Tabelle
auszugleichen?
Nein. Wobei es schon sehr schwierig ist. Wenn
du mit Labels verhandelst und in irgendwelchen edlen Sesseln
und fetten Sofas mit den Chefs nur über Verkaufszahlen und
neue Strategien sprichst, nimmt es dich schnell einmal in diesen
Wirbel von Tantiemen, Zahlen und so rein und du vergisst, dass
du eigentlich nur rappen wolltest. Es ist nur gut, was Erfolg
hat. Man spricht nicht über Musik, sondern über Verkaufszahlen.
In diesem Bereich musste ich lernen, mich nicht mit Usher zu
vergleichen, das macht mich höchstens fertig. Es ist genau
das Gleiche wie beim Fleisch: Man kann auch nicht Bio-Fleisch
mit einem Cheeseburger vergleichen. Ich wollte auch nie zum Cheeseburger
werden. Fame kann mir gestohlen bleiben. Was ich mache, ist irgendwo
im Bereich von Kleinkunst oder Poesie auf Beats. Aber das kann
man ja niemandem sagen. Jeder zweite Homeboy sagt dann "Han
gmäint du machsch Rap?".
Wenn überhaupt, welches Ziel verfolgst
du denn mit deiner Musik?
Ich will unterhalten und das Hirn anregen.
Und Schubladenwände aufreissen. Das Hören meiner Lieder
soll eine lustige Achterbahnfahrt sein - durch Wörter, Sinnverschiebungen,
Gedankenströme und Brücken. Grosse Aussagen oder so
strebe ich nicht an, weil ich nicht daran glaube, dass sich dadurch
was verändern lassen würde. Auch will ich eher Reibung
als Genuss auslösen. Manchmal stelle ich dem Hörer
auch gerne Puzzle-Aufgaben und nicht zuletzt provoziere ich ihn
gerne.
Zum Schluss: Was für ein Verhältnis
hast du zu deiner Mutter?
Ein gutes! Meine Lieder beeinträchtigen
meine Beziehung zu ihr zum Glück nicht. Aber mein Sound
findet sie schon nicht so geil. Allgemein findet sie Rap ziemlich
scheisse.
www.familiebetrieb.ch
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Elements Reunion | Bierhübeli, Bern,
14. Januar 2005
Familiär
Was passiert, wenn ein Beat-Produzent die
Idee hat, verschiedene Leute aus verschiedenen Bereichen zu einem
Projekt zu vereinigen? Konzertabende mit einem Riesenhaufen an
aktiven Hip-Hop-Künstlern, die sich die Bühne teilen:
Crossroad mit Breakdance, Apache Cream mit melodiösem Rap,
Marx Attax mit fadengeradem Rap, Mc Rony mit düsterem Rap,
Black Tiger mit Rap voll Power und Funk, und dann noch EKR, der
an diesem Abend wieder einmal bewies, dass er nicht nur König
heisst, sondern auch König ist: Jedes Mal wenn er das Mik
in die Hand bekam, zündete er ein neues Feuer, jede Zeile
zündete in die Bierhübeli-Halle wie ein Blitz in den
Horizont.
Wortwitzig und durchdacht, aggressiv und überraschend,
immer frisch und agierend. Ein Mann auf der Bühne wie eine
Droge: "Stellet mich als wiises Pulver imne Seckli vor",
sagte er plötzlich zum Publikum. Und das Folgende Lied bewies
es: EKRs Wirkung ist tatsächlich wie eine Droge. Nur dass
seine Wirkung nicht schädlich ist. Der Zürcher liess
das Berner Publikum ganz nahe an sich ran, wofür es sich
auch bedankte: Nach zweieinhalb Stunden abwechslungsreichster
Show riefen die Leute nicht "Zu-ga-be", sondern "E-K-R".
Und mit einem schelmisch-zufriedenen Lächeln kam Eki noch
einmal zurück und kickte die letzten knallharten kreativen
Ergüsse.
Ein brutal feiner Konzertabend mit wenig Publikum
aber umso mehr familiärem Spirit. Black Tiger, neben EKR
der zweite Urvater des Mundartraps, rappte sich durchs ganze
Publikum und alle waren sich einig, als der Basler fragte: "Ok
für di?" - "OK für mi!", schrie die
ganze Familie zurück. So gut echt und nahe lässt sich
der Hip Hop in Bern selten fühlen. Elements reunited.
www.bierhuebeli.ch
www.elementsreunion.ch
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