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Nr. 131 / Mai 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Luzern-Story
Phenomden
Kaiser Chiefs
 

From Lucerne, Switzerland

In der Stadt am Vierwaldstättersee gehen Innerschweizer Rock-Träume in Erfüllung. Alle helfen mit: Veranstalter, Radio und Presse. Nun ist die Zeit gekommen, die Kantons- und vielleicht sogar die Landesgrenze zu durchbrechen. Ein Augenschein.

Von Philipp Albrecht und Caroline Gimpel (Fotos).

Ein grosses, weisses Tuch hängt über den ganzen Bühnenrand. Darauf projiziert sieht man vier junge Herren, die mit dem VW-Bus nach Schweden fahren, wo sie ein Album aufnehmen. Alles wirkt so ferienhaft, locker. Man sieht sie immer wieder Bier trinken, ein bisschen Gitarre spielen, Schlagzeug. Gut zwanzig Minuten lang. Dann fällt das Tuch, fast wie von alleine. Die Bühne des Luzerner Treibhaus an diesem kalten 9. April 2005 ist mit Kerzen geschmückt, liebevoll dekoriert. Die vier Herren aus dem Film stehen inmitten dieser Lichtorgie und dreschen auf die Gitarren ein, liebevoll aber und melodiös. Der Leadgitarrist springt herum, baut sich vor seinen Bandkollegen auf und lässt der Euphorie freien Lauf. Das erste Album von Flink wird an diesem Abend getauft. Flink, a rockband from Lucerne. So steht's auf ihrer perfekt gestalteten Homepage. So professionell wie ihr Webauftritt ist auch der Abend gestaltet. Alles läuft wie am Schnürchen. Die Vorband aus Winterthur spielt fröhlich-souligen Rock. Alle schmunzeln und wissen, wie man die Instrumente hält - und spielt. Das Publikum ist bunt durchmischt, jung und alt. Auch die Eltern und Verwandten sind da, Arbeitskollegen, man kennt sich.

Flink bei ihrer Plattentaufe im Treibhaus Luzern
1500 Franken von der Stadt
Als Zürcher staunt man nicht schlecht ab solchen Bildern. In der grössten Schweizer Stadt ist keine vergleichbare Szene auszumachen. In Luzern ist alles anders. Nicht nur im Treibhaus spielen sich dieser Tage solche Szenen ab. Im Sedel, in der Schüür, im Boa, überall die gleichen Bilder: Eine lokale Band spielt vor begeistertem Publikum starken Indierock. "Wir kennen uns alle, sind alle etwa gleich alt und haben die gleiche Musik gehört", sagt Jonathan, der zappelige Gitarrist von Flink. Ja gut, aber anderswo gibt's doch auch Gleichaltrige, die ähnliche Musik hören. Wieso sehen wir nur hier - mit Ausnahme von Lausanne vielleicht - eine so sehr motivierte und talentierte Szene heranwachsen? Luzern sei halt das Zentrum von fünf Kantonen, sagt Marcel Bieri, Konzertveranstalter und Musikredaktor von Radio 3Fach, eine Art Zentralschweizer Metropole mit grossem Einzugsgebiet. Marcel und das Radio 3Fach im Besonderen sind sehr engagiert, was die Förderung der lokalen Indierock-Szene angeht. Das lokale Radio spielt viel Musik von Luzerner Bands, überträgt deren Konzerte live und verleiht jährlich den Kick-Ass-Award für den besten Luzerner Song. Aber auch das offizielle Luzern ist grosszügig, was die lokale Kulturförderung angeht. "Wir haben von der Stadt 1500 Franken für die Produktion unseres Albums erhalten", sagt Jonathan. Damit lässt sich was machen.

Das Video auf VIVA
Neben Flink heissen die interessantesten Luzerner Bands Highfish, Neviss und Solitune. Vertrieben werden alle vom gleichen Label: Little Jig. Hinter Little Jig steckt Lukas Fischer. Lukas kümmert sich in Fronarbeit um alles Organisatorische. Er hat es sich, wie er selber sagt, zur Aufgabe gemacht, die Bands zu fördern und mit ihnen auch aus Luzern hinaus zu kommen. "Angefangen hat alles mit Highfish", erklärt der 23jährige, "ich ging mit den Jungs zusammen in die Kanti." Highfish spielten unzählige Konzerte im Raum Luzern und nahmen "Round Robin" auf. Die inzwischen vergriffene EP wurde ein lokaler Erfolg. "Trotzdem schienen die Möglichkeiten von Highfish begrenzt", meint Lukas. Daraufhin gründete er das Label Little Jig. Im Sommer 2003 folgte "Ride On", Highfish's zweite EP. Es stiessen immer mehr Bands dazu. Inzwischen sind es schon deren fünf. Dazu sind in der Zwischenzeit ausgesuchte Bands aus dem In- und Ausland gekommen, die das Booking über Little Jig machen lassen. Highfish bleibt aber nach wie vor das Zugpferd von Little Jig, auch wenn sie noch immer kein Album aufgenommen haben. Die Single "Rip Tide" wurde plötzlich nicht mehr nur im 3Fach gespielt. Virus nahm den Song in die Playlist. Im Januar 04 überreichte ihnen Chris Wicky von Favez den Kick-Ass-Award. Zum Preis gehörte die Finanzierung eines Videos, das in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Gestaltung und Kunst gedreht wurde. Das "Rip Tide"-Video wird schliesslich auf VIVA und SFDRS gespielt.

Wie in einer Familie: Lukas (2. v.r.) mit Musikern und Veranstaltern.
Eine Familie dank Little Jig
Padi, Gitarrist von Solitune, lobt Lukas vor allem wegen seines Netzwerks: "Für uns war Lukas von Anfang an der Mittelsmann. Als wir mal aus Eschenbach herauskamen, hat er uns freundlich angesprochen und uns den anderen Bands vorgestellt. Dabei ist nie Feindschaft entstanden, alle waren aufrichtig." Der Zusammenhalt ist erstaunlich. Auch dafür ist Lukas mit seinem Label zuständig. "Das ist wie innerhalb einer Familie. Alle haben den gleichen Nachnamen. Bei uns ist der Nachname Little Jig.", sagt Jonathan. Lukas fühlt sich natürlich geehrt von solchen Komplimenten, bleibt aber stets sachlich und bescheiden. Er komme halt aus dem Veranstalter-Bereich, da sei es normal, dass man Leute und Bands kennen lerne. Mit der Zeit entstehe das Netzwerk automatisch. Ausserdem sei er längst nicht der Einzige, der etwas mache, fügt er hinzu, und: "Ohne Deezl wär die Luzerner Szene niemals so weit gekommen." Deezl ist der Produzent. In seinem Foolpark Studio in Zug wurden die meisten Luzerner Indie-Rock-Alben aufgenommen. Auf der Foolpark-Homepage ist zu lesen: "Heute sind wir unter anderem im gitarrenbetonten Bereich eine sehr wichtige Adresse ()" und weiter heisst es: "Ohne einen Satz 'heisser Ohren' braucht keine Röhre glühen!".

"Die Texte sind völlig nebensächlich"
26.3., Sedel, Luzern. Auf der Bühne stehen vier junge und aufgestellte Herren. Sie lächeln ins Publikum und tun so, als spielten sie fröhlichen Gitarrenpop. Von Konzentration - zumindest äusserlich - keine Spur. Dabei spielen sie komplizierteste Riffs, zum Teil zwei Gitarren die gleichen. Messerscharf. Das ist Prog-Rock von bester Qualität. Es geht auf und ab. Eine Achterbahnfahrt in Rock. Es macht Spass, den Herren zuzusehen, wie sie sich anlächeln und dabei kein Ton daneben geht. Das Publikum ist begeistert. Aber als Leadsänger Roman Dubach zwischen zwei Songs irgendwas erzählen will, kommt ihm eine angetrunkene Stimme entgegen: "Spile nid schnure!". Das ist wohl bezeichnend für die ganze Szene. Von Botschaften oder bedeutungsvollen Texten will man in Luzern nichts wissen. Darum antwortet Padi von Solitune auch eindeutig auf die Frage, wieso sie denn nicht in Mundart singen: "Die Texte sind völlig nebensächlich. Sie sind ein zusätzliches Instrument. Würden wir in Mundart singen, gäbe es nur eine einseitige Konzentration auf die Texte. Das ist nicht der Sinn, uns geht's um die Musik."

Obwohl der kommerzielle Anspruch streckenweise fehlt, die Zukunft dieser vier Bands verspricht rosige Zeiten. Die Lausanner Szene ufert langsam aus. Favez hat die Auflösung angekündigt, Chewy hat sich bereits aufgelöst. Ex-Chewy-Frontmann Greg Wicky tümpelt mit seiner zweiten Band Pendleton vor sich hin. An deren Konzerten sorgen lediglich die alten Chewy-Songs noch für Begeisterung. Es ist also an der Zeit für einen neue Schweizer Bewegung. Wieso nicht aus Luzern?

Highfish sind Raphael Zingg (Gitarre), Elmar Müller (Bass/Gesang) und Kay Abegg (Schlagzeug) und bestehen schon seit 1996. Bekannt sind sie für ihre Auftritte, in denen sie bloss zu dritt eine erstaunliche Dichte treibender Stoner-Rocks an den Tag legen. Zwei EPs sind bisher erschienen: Round Robin (2000, vergriffen) und Ride On (2003). Ein Album ist in Produktion und erscheint voraussichtlich im Herbst 2005.

www.highfish.com

Neviss sind Martae Fischer (Gitarre/Gesang), Beni Widmer (Gitarre/Gesang), Dani Imhof (Bass) und Tom Fischer (Schlagzeug). 1999 gegründet, haben sie bereits eine 3-Song-EP im Eigenvertrieb (Neviss, 2001), ein Mini-Album (Backseat Travelling, 2003) und eine Platte (Neige et Soleil, 2005) veröffentlicht und sich dafür ausgezeichnete Kritiken von allen Seiten eingeheimst. Zurzeit sind sie auf ausgedehnter CH-Tour.

www.neviss.ch

Solitune aus Eschenbach spielen anspruchsvollen Progressivrock in eher düsterer Gangart. Roman Dubach (Gitarre/Gesang), Patrick Müller (Gitarre/Gesang), Reto Achermann (Bass) und Raimond Beel (Schlagzeug) machen seit 1998 zusammen Musik. Ihre erste EP "o.k. rewind" ist Ende 2004 erschienen. Zuvor produzierten sie zwei 3-Track-Demos in Eigenregie.

www.solitune.ch

Flink is for Fans of Nada Surf, Favez, Last Days Of April, wie man auf der Pressemitteilung zur Veröffentlichung ihres ersten Albums nachlesen kann. Flink sind Martin Brabec (Gitarre/Gesang), Jonathan Winkler (Gitarre/Gesang), Hannes Herger (Bass/Gesang) und Adi Schmid (Schlagzeug). "Ontheoutsideoflife" (2005) wurde in Schweden aufgenommen und von Mathias Oldén (Logh) produziert. Dieser Produktion gehen zwei Demo-CDs voraus: Sensitive (2003) und Sensitive 2 (2004).

www.flink.ch

Am 10. Juni 2005 findet in der Schüür in Luzern die "Little Jig Labelnight" statt. Es spielen Highfish, Solitune, Flink und Neviss.

www.littlejig.com

Wir verlosen je eine CD von Flink, Highfish, Neviss und Solitune. Zu beantworten ist lediglich die Frage: Welche dieser Bands sagt mir am meisten zu? Mail an: hoeren@netzmagazin.ch. Name und Adresse nicht vergessen!


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