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Bücher, AutorInnen & Comics 11. Dezember 2004
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Wolfgang Benz | Was ist Antisemitismus? | Sachbuch | C.H. Beck
"SIND SIE ANTISEMIT?"

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Kaum jemand würde auf diese Frage überzeugt mit "ja" antworten und wer es trotzdem tut, ist leicht ins rechtsradikale Lager abzuschieben. Aber mal ehrlich: denken Sie nicht auch, die Juden hätten zu viel Macht in Politik, Kultur und Wirtschaft und würden es einem durch die Politik Israels nicht gerade leicht machen, sie zu mögen? Oder gehören Sie zu denen, die antisemitischen Äusserungen hilflos gegenüberstehen, weil an den irrational anmutenden Überzeugungen vielleicht doch was dran ist und man nicht das Gegenteil beweisen kann? Wie auch immer: "Was ist Antisemitismus?" von Wolfgang Benz wird Aufklärung schaffen.

Von Sandra Despont.

Antisemitismus ist in Westeuropa verpönt wie kaum etwas. Trotzdem kommt es bei öffentlichen Skandalen infolge antisemitischer Äusserungen angesehener Bürger und Politiker, die persönlich "nichts gegen die Juden haben", immer wieder zu breiten Solidaritätsbekundungen mit den angeblich zu Unrecht als Judenfeinde Abgestempelten. Machen sich die Juden denn nicht selbst unbeliebt, sei es durch ihr ständiges Mahnen an die Vergangenheit, durch immer neue, horrende Geldforderungen oder der Unterstützung der Politik Israels? Welche Stereotypen sich oft hinter der "wohlmeinenden Kritik" an den Juden verbirgt, wo ihr Ursprung liegt, welche Ausprägungen der moderne Antisemitismus angenommen hat und welche Funktion er für die Gesellschaft erfüllt, dies sind die Fragen, denen Wolfgang Benz nachgeht und die er in "Was ist Antisemitismus?" kundig und in wohltuender Kürze behandelt.

Geschichte einer traditionsreichen Feindschaft
Antisemitismus hat eine lange Tradition und die Juden sind gerade wegen dieser Tradition als Sündenböcke für allerlei Übel besonders leicht instrumentalisierbar. Um die gängigen Stereotypen als solche zu entlarven und ihren Ursprung zu verstehen, ist die Kenntnis der Geschichte des Antisemitismus deshalb unerlässlich. In zwei Kapiteln, von denen sich das eine vor allem mit der Entstehung von christlichen, das andere mit rassentheoretischen und somit pseudo-wissenschaftlichen Vorurteilen über die Juden befasst, zeigt Wolfgang Benz Entwicklungslinien auf, ohne den Leser in einer Informationsflut untergehen zu lassen. Benz macht verständlich, dass heute noch historische Schuldzuweisungen gegenüber den Juden, wie die des Ritualmordes oder der der Brunnenvergiftung nachhaltig und unbewusst weiterwirken und dass sich Vorstellungen darüber, "wie die Juden sind" perpetuieren, obwohl sie sich fern jeder Beweisbarkeit bewegen. Ebenso macht er begreiflich, wie Rassentheorie und Sozialdarwinismus die religiös begründeten Vorurteile modernisiert und radikalisiert haben, so dass die Idee einer "Lösung der Judenfrage" als geschichtlich konsequente Entwicklung erscheint. Da der historische Teil knapp, verständlich und mit guten Beispielen illustriert ist, eignet er sich besonders auch für LeserInnen ohne jede Vorkenntnisse der Geschichte des Antisemitismus.

"Ich hab ja nichts gegen Juden, aber"
In weiteren Kapiteln illustrierte Benz die gewonnenen Erkenntnisse an den Affären Möllemann und Hohmann, geht auf ein besonders hartnäckiges antisemitisches Bild, das der jüdischen Weltverschwörung, ein, beleuchtet die Problematik der seit 1945 beliebten Antisemitismusstatistiken (siehe Titelfrage), zeigt, wo berechtigte Kritik an Israel aufhört und Judenfeindschaft anfängt und setzt den deutschen Antisemitismus in Kontext mit dem anderer europäischer Länder. Was das Buch besonders wertvoll macht, ist seine Konzentration auf den latenten Antisemitismus. Statt sensationstauglichen Brandstiftungen an Synagogen, Reden Rechtsextremer und Friedhofsschändungen zu analysieren, zeigt Benz, wie sich Antisemitismus im alltäglichen Vorurteil und unreflektierten Bemerkungen ausdrückt und "privates wie öffentliches Denken und Handeln" beeinflusst. Benz macht Antisemitismus als traditionelles und emotionales Vorurteil einer Mehrheit gegenüber einer Minderheit erfassbar, das sich gerade wegen diesen Eigenschaften einer rationalen Diskussion entzieht und von seinen Vertretern desto einfacher zu dementieren ist. Mit einer Vielzahl von Schreiben an den Jüdischen Zentralrat Deutschlands demonstriert Benz, wie schwierig die vordergründig der political correctness verpflichteten Zuschriften als von Vorurteilen beladene Schuldzuweisungen an die Adresse der Juden zu dechiffrieren sind. Gerade dies ist meiner Meinung nach der Hauptverdienst dieses Buchs: es macht sensibel für scheinbar unverdächtige, nebensächliche Bemerkungen über die Juden, die, obwohl ihre Urheber die eigene Integrität und Unvoreingenommenheit gegenüber den Juden betonen, doch judenfeindliche Haltungen ausdrücken.

"Was ist Antisemitismus?" macht einmal mehr klar, dass es mit der ausführlichen Abhandlung der Geschichte der Judenverfolgung in Nazideutschland nicht getan ist. Die Vermittlung jüdischer Religion und Kultur, sowie die Geschichte des Antisemitismus wären zur Vorbeugung gegen die Tradierung unreflektierter Stereotype und zu deren Entlarvung ebenso nötig. Benz zeigt die Dringlichkeit, mit der ein Bewusstsein für auch scheinbar harmlose antisemitische Äusserungen geschaffen werden muss, damit sich Vertreter des manifesten Antisemitismus nicht als mutige Anführer eines durch jüdischen Einfluss eingeschüchterten Allgemeinwillens stilisieren können.

272 S., CHF 34.90

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