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Stephan Sigg: "Der letzte
Weihnachtsmann" | Krimi-Satire
In eigener Sache
Der Leiter des Lesen-Ressorts
ist Schriftsteller - und er wartet mit einem neuen Buch auf.
Auszüge als kleinen Vorgeschmack gibts selbstverständlich
hier im Plebs Netzmagazin.
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Zum Inhalt
Weihnachtsengel sind out
und Herrmanns "Christkind-Agentur" ist in der Krise.
Jeder interessiert sich nur noch für Santa Claus. Doch Hermann
gibt nicht so schnell auf. Er schliesst sich einer "Anti-Santa-Organisation"
an, die mit aller Macht dem modernen Christmas-Wahn den Garaus
bereiten will. Um an ihr Ziel zu gelangen, schreckt die Geheim-Organisation
nicht einmal vor Attentaten und Mord zurück. Viel zu spät
merkt Hermann, dass mit der eigenartigen Psycho-Gruppe nicht
zu spassen ist und nicht nur seine geliebte "Christkind-Agentur"
und seine Existenz sondern auch seine Ehe nur noch an einem seidenen
Faden hängen...Eine packende, amüsante Krimi-Satire
über das Weihnachten von heute - Stephan Siggs (geb. 1983)
bitterböse Abrechnung mit "Santa Claus" &
Co.
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"... Jingle Bells! Jingle
Bells! Und Sie werden aus dem Staunen nicht mehr rauskommen.
Weihnachtszeit ist die Zeit des Schenkens und mit uns schenken
Sie richtig! Profitieren Sie jetzt von unseren sensationellen
Weihnachtsangeboten! Wir freuen uns auf Sie in unserer Christmas-Abteilung
im Kellergeschoss!"
Die heisere Frauenstimme krächzte sich aus dezent kreuz
und quer angebrachten Lautsprechern beinahe die Stimme aus dem
Leib und wusste noch nicht, dass das ihr letzter Auftritt in
diesem Kaufhaus sein sollte.
"Christmas - 50 % auf das ganze Spielwarensortiment. Nutzen
Sie diese einmalige Gelegenheit - Das wird ein Fest, das Sie
nie vergessen werden!"
Im dritten Stock drängten sich die Menschen Mantel an Mantel,
Schal an Schal, als würde Jennifer Lopez sich dort gerade
entblössen. Kleinkinder riefen durcheinander, Einkaufwägen
verhakten sich ineinander, Eltern suchten panisch nach ihrer
Brut, die sich im immer grösser werdenden Chaos von Kindergefährten,
Einkaufswagen und Aktionstruhen herumbalgte.
"Hohoho", schrie der Weihnachtsmann auf seinem goldenen,
von gleissenden Scheinwerfern ausgeleuchteten Thron und liess
im 45-Sekunden-Takt Kind um Kind auf seinem Schoss Platz nehmen,
ein Gedicht aufsagen, die Sünden bekennen und seinen weissen
Kunsthaarbart erzittern.
In der scheinbar endlosen Schlage
von Kleinkindern, die händchenhaltend von ihren Müttern
und Vätern hintereinander aufgereiht warteten, stand ein
sechsjähriges Mädchen, mutterseelenallein mit einem
roten Mantel und einer rechteckigen Schachtel, auf der gelbe
Sterne aufgedruckt waren. Ihre Augen blickten gebannt zum roten
Mann. Sie wartete artig und hielt das Geschenk vorsichtig in
ihren Händen.
Nur zögerlich ging es voran, als hätte jemand die Geschwindigkeit
des Uhrzeigers langsamer gestellt. Einige weinten vor Ungeduld
Rotz und Wasser, andere winkten voller Vorfreude in Richtung
Thron und mit jedem Schritt, den die Kinder dem goldenen Thron
näherrückten, wurden sie stiller, blasser und sympathischer.
"Hohoho!", schrie der mit diversen Kissen ausgestopfte,
sonst knackige Sportstudent mit Waschbrettbauch, 15 Euro-Stundenlohn
und einer eben in die Brüche gegangenen Langzeitbeziehung
mit einer Jura-Studentin schon wieder mit seinem militärischen
Organ und die Lautsprecher übertrugen es bis in die hinterste
Ecke der zum Bersten gefüllten Spielzeugabteilung. Die Mütter
lächelten gerührt, die Kinder schwitzten noch intensiver.
Endlich war das Mädchen
im roten Mantel an der Reihe. Mit einem breiten Lächeln
setzte sie sich auf den Schoss und reichte Santa Claus das Geschenk.
"Für mich?", fragte er erstaunt und liess, ehe
es antworten konnte, ein noch um tausend Dezibel höheres:
"Hohoho!" durch das Kaufhaus schallen. Das Mädchen
fuhr zurück. "Das ist aber nett von dir! Normalerweise
mache ich die Geschenke." Das Mädchen nickte zaghaft.
Dann liess es keine weitere Sekunde verstreichen, beeilte sich,
sprang vom Schoss herunter und stürzte sich im Sauseschritt
durch die Menge in Richtung Rolltreppe. Ein paar Köpfe blickten
ihr überrascht nach. Was machte das kleine Kind denn ganz
allein in diesem Weihnachts-Tohuwabohu?
Neugierig beäugte Santa
Claus das Geschenk. Das war das erste Mal in seiner Karriere,
dass er etwas geschenkt bekam. Und es fühlte sich nicht
schlecht an. Irgendwann musste ja etwas zurück kommen. Wenn
das so weiter ging, würde ihm der Job vielleicht doch noch
irgendwann Spass machen. Wenigstens ein paar Knirpse schienen
seine Arbeit zu würdigen. Das nächste Kind in der Schlange
gaffte ihn mit offenem Mund an. Dessen Mutter runzelte die Stirn.
Santa Claus nickte. Jetzt war tatsächlich nicht der richtige
Augenblick, das Geschenk zu öffnen. Hastig legte er das
Paket neben seinen Thron und nahm das nächste Kind in Empfang.
Die Schlange durfte nicht zum Stillstand kommen, sonst wurden
die Kids unausstehlich und der Boss aggressiv.
Das Ticken unter dem Geschenkspapier hörte Santa Claus nicht.
Es wurde gänzlich verschluckt vom geschäftigen Treiben
der letzten Adventstage, der weihnachtlichen Zielgeraden und
vom weissen Lockenbart, der auch grosse Teile seiner Ohren bedeckte.
Deshalb fiel ihm nicht auf, dass nach sechzig Sekunden das Ticken
plötzlich innehielt und eine gespenstische Pause folgte,
die dem Action-Filmkinobesucher einen kalten Schauer über
den Rücken gejagt hätte.
Und dann zerriss ein lauter Knall
das Vier-Etagen-Kaufhaus und hob für eine Millisekunde die
ganze Welt samt dazugehörendem Kosmos aus den Angeln.
Das Kind und der Weihnachtsmann waren auf der Stelle tot und
in tausend Einzelteile zerlegt, die mitsamt aller Spielwaren,
Dekomaterial und Geschenkspapier durch das Kaufhaus flogen wie
Schneeflocken im Wintersturm.
Die Menschen schrieen und liefen in Panik ineinander, suchten
verzweifelt auf dem Teppichboden ihre abgetrennten Hände
und Füsse und sonstigen Gliedmassen, die einem abfallen
können. Doch den meisten gelang es sowieso aus rein anatomischen
oder defizitären Gründen nicht mehr, sich vom Fleck
zu bewegen, geschweige denn noch etwas zu erkennen oder zu hören.
Einige wenige, die noch mit irgendwie ziemlich kompletter Glied-
und Organausstattung die Schreckenssekunde überlebt hatten,
rannten in Panik zu den Notausgängen. Doch Rauch und Flammen
hatten schon bald den Kampf gewonnen.
Der bärtige Mann gab dem
Mädchen mit dem roten Mantel eine Packung Gummibärchen.
Sein Gesicht war rot vor Kälte und Aufregung. Aber er schien
erleichtert. Er strich ihm über den Kopf. Irgendwo heulten
die ersten Sirenen. Panische Schreie hallten über die Strasse,
während die Fensterscheiben in die Brüche gingen und
tausend kleine Scherben auf den gefrorenen Asphalt herunterrieselten.
Dann schossen die ersten Flammen aus den Fenstern. Die Menschenmenge
begann sich in Bewegung zu setzen, nur weg von den Flammen.
"Das hast du gut gemacht!", murmelte er zufrieden,
bevor er in Richtung S-Bahn-Station rannte, "die Organisation
wird dir für immer dankbar sein! ...."
ISBN 3-9523399-8-9, Verlag Einfach
Lesen, Bern, 192 Seiten, erscheint Ende November 2004, CHF 22.80
www.stephansigg.com
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