Alles über Plebs | Rechtliches | Kontakt 

Logo
Plebs Netzmagazin. Härter denken.
Anzeige
  Front  
  Denken  
  Hören  
  Lesen >
  Sehen  
  Spielen  
  Leben  
  Wissen  
  Archiv  
Bücher, AutorInnen & Comics 11. Dezember 2004
Übersicht
Interview
Ausgelesen
Vorabdruck >
Belletristik

Sachbuch
Hörbuch
Fantasy
Comic
Der letzte Weih-
  nachtsmann >

Stephan Sigg: "Der letzte Weihnachtsmann" | Krimi-Satire
In eigener Sache

Der Leiter des Lesen-Ressorts ist Schriftsteller - und er wartet mit einem neuen Buch auf. Auszüge als kleinen Vorgeschmack gibts selbstverständlich hier im Plebs Netzmagazin.

Zum Inhalt

Jetzt kaufen!
Weihnachtsengel sind out und Herrmanns "Christkind-Agentur" ist in der Krise. Jeder interessiert sich nur noch für Santa Claus. Doch Hermann gibt nicht so schnell auf. Er schliesst sich einer "Anti-Santa-Organisation" an, die mit aller Macht dem modernen Christmas-Wahn den Garaus bereiten will. Um an ihr Ziel zu gelangen, schreckt die Geheim-Organisation nicht einmal vor Attentaten und Mord zurück. Viel zu spät merkt Hermann, dass mit der eigenartigen Psycho-Gruppe nicht zu spassen ist und nicht nur seine geliebte "Christkind-Agentur" und seine Existenz sondern auch seine Ehe nur noch an einem seidenen Faden hängen...Eine packende, amüsante Krimi-Satire über das Weihnachten von heute - Stephan Siggs (geb. 1983) bitterböse Abrechnung mit "Santa Claus" & Co.

"... Jingle Bells! Jingle Bells! Und Sie werden aus dem Staunen nicht mehr rauskommen. Weihnachtszeit ist die Zeit des Schenkens und mit uns schenken Sie richtig! Profitieren Sie jetzt von unseren sensationellen Weihnachtsangeboten! Wir freuen uns auf Sie in unserer Christmas-Abteilung im Kellergeschoss!"
Die heisere Frauenstimme krächzte sich aus dezent kreuz und quer angebrachten Lautsprechern beinahe die Stimme aus dem Leib und wusste noch nicht, dass das ihr letzter Auftritt in diesem Kaufhaus sein sollte.
"Christmas - 50 % auf das ganze Spielwarensortiment. Nutzen Sie diese einmalige Gelegenheit - Das wird ein Fest, das Sie nie vergessen werden!"
Im dritten Stock drängten sich die Menschen Mantel an Mantel, Schal an Schal, als würde Jennifer Lopez sich dort gerade entblössen. Kleinkinder riefen durcheinander, Einkaufwägen verhakten sich ineinander, Eltern suchten panisch nach ihrer Brut, die sich im immer grösser werdenden Chaos von Kindergefährten, Einkaufswagen und Aktionstruhen herumbalgte.
"Hohoho", schrie der Weihnachtsmann auf seinem goldenen, von gleissenden Scheinwerfern ausgeleuchteten Thron und liess im 45-Sekunden-Takt Kind um Kind auf seinem Schoss Platz nehmen, ein Gedicht aufsagen, die Sünden bekennen und seinen weissen Kunsthaarbart erzittern.

In der scheinbar endlosen Schlage von Kleinkindern, die händchenhaltend von ihren Müttern und Vätern hintereinander aufgereiht warteten, stand ein sechsjähriges Mädchen, mutterseelenallein mit einem roten Mantel und einer rechteckigen Schachtel, auf der gelbe Sterne aufgedruckt waren. Ihre Augen blickten gebannt zum roten Mann. Sie wartete artig und hielt das Geschenk vorsichtig in ihren Händen.
Nur zögerlich ging es voran, als hätte jemand die Geschwindigkeit des Uhrzeigers langsamer gestellt. Einige weinten vor Ungeduld Rotz und Wasser, andere winkten voller Vorfreude in Richtung Thron und mit jedem Schritt, den die Kinder dem goldenen Thron näherrückten, wurden sie stiller, blasser und sympathischer.
"Hohoho!", schrie der mit diversen Kissen ausgestopfte, sonst knackige Sportstudent mit Waschbrettbauch, 15 Euro-Stundenlohn und einer eben in die Brüche gegangenen Langzeitbeziehung mit einer Jura-Studentin schon wieder mit seinem militärischen Organ und die Lautsprecher übertrugen es bis in die hinterste Ecke der zum Bersten gefüllten Spielzeugabteilung. Die Mütter lächelten gerührt, die Kinder schwitzten noch intensiver.

Endlich war das Mädchen im roten Mantel an der Reihe. Mit einem breiten Lächeln setzte sie sich auf den Schoss und reichte Santa Claus das Geschenk.
"Für mich?", fragte er erstaunt und liess, ehe es antworten konnte, ein noch um tausend Dezibel höheres: "Hohoho!" durch das Kaufhaus schallen. Das Mädchen fuhr zurück. "Das ist aber nett von dir! Normalerweise mache ich die Geschenke." Das Mädchen nickte zaghaft. Dann liess es keine weitere Sekunde verstreichen, beeilte sich, sprang vom Schoss herunter und stürzte sich im Sauseschritt durch die Menge in Richtung Rolltreppe. Ein paar Köpfe blickten ihr überrascht nach. Was machte das kleine Kind denn ganz allein in diesem Weihnachts-Tohuwabohu?

Neugierig beäugte Santa Claus das Geschenk. Das war das erste Mal in seiner Karriere, dass er etwas geschenkt bekam. Und es fühlte sich nicht schlecht an. Irgendwann musste ja etwas zurück kommen. Wenn das so weiter ging, würde ihm der Job vielleicht doch noch irgendwann Spass machen. Wenigstens ein paar Knirpse schienen seine Arbeit zu würdigen. Das nächste Kind in der Schlange gaffte ihn mit offenem Mund an. Dessen Mutter runzelte die Stirn. Santa Claus nickte. Jetzt war tatsächlich nicht der richtige Augenblick, das Geschenk zu öffnen. Hastig legte er das Paket neben seinen Thron und nahm das nächste Kind in Empfang. Die Schlange durfte nicht zum Stillstand kommen, sonst wurden die Kids unausstehlich und der Boss aggressiv.
Das Ticken unter dem Geschenkspapier hörte Santa Claus nicht. Es wurde gänzlich verschluckt vom geschäftigen Treiben der letzten Adventstage, der weihnachtlichen Zielgeraden und vom weissen Lockenbart, der auch grosse Teile seiner Ohren bedeckte. Deshalb fiel ihm nicht auf, dass nach sechzig Sekunden das Ticken plötzlich innehielt und eine gespenstische Pause folgte, die dem Action-Filmkinobesucher einen kalten Schauer über den Rücken gejagt hätte.

Und dann zerriss ein lauter Knall das Vier-Etagen-Kaufhaus und hob für eine Millisekunde die ganze Welt samt dazugehörendem Kosmos aus den Angeln.
Das Kind und der Weihnachtsmann waren auf der Stelle tot und in tausend Einzelteile zerlegt, die mitsamt aller Spielwaren, Dekomaterial und Geschenkspapier durch das Kaufhaus flogen wie Schneeflocken im Wintersturm.
Die Menschen schrieen und liefen in Panik ineinander, suchten verzweifelt auf dem Teppichboden ihre abgetrennten Hände und Füsse und sonstigen Gliedmassen, die einem abfallen können. Doch den meisten gelang es sowieso aus rein anatomischen oder defizitären Gründen nicht mehr, sich vom Fleck zu bewegen, geschweige denn noch etwas zu erkennen oder zu hören. Einige wenige, die noch mit irgendwie ziemlich kompletter Glied- und Organausstattung die Schreckenssekunde überlebt hatten, rannten in Panik zu den Notausgängen. Doch Rauch und Flammen hatten schon bald den Kampf gewonnen.

Der bärtige Mann gab dem Mädchen mit dem roten Mantel eine Packung Gummibärchen. Sein Gesicht war rot vor Kälte und Aufregung. Aber er schien erleichtert. Er strich ihm über den Kopf. Irgendwo heulten die ersten Sirenen. Panische Schreie hallten über die Strasse, während die Fensterscheiben in die Brüche gingen und tausend kleine Scherben auf den gefrorenen Asphalt herunterrieselten. Dann schossen die ersten Flammen aus den Fenstern. Die Menschenmenge begann sich in Bewegung zu setzen, nur weg von den Flammen.
"Das hast du gut gemacht!", murmelte er zufrieden, bevor er in Richtung S-Bahn-Station rannte, "die Organisation wird dir für immer dankbar sein! ...."

ISBN 3-9523399-8-9, Verlag Einfach Lesen, Bern, 192 Seiten, erscheint Ende November 2004, CHF 22.80

www.stephansigg.com

Anzeige

Nächste Lesen-Ausgabe: 11. Januar 2005 <<< | Seitenanfang | >>>

Newsletter
Jeden Mittwoch das Neuste von Plebs.

Verlosungen
Alle Verlosungen auf einen Blick.

Powered by Bürki Hosting, Spiez