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Bücher, AutorInnen & Comics 11. Dezember 2004
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Tschingis Aitmatow >

Tschingis Aitmatow: "Dshamilja" (1958) | Erzählung
"Die schönste Liebesgeschichte der Welt"?

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1958 setzt sich, "irgendwo in Zentralasien", ein junger Mann hin und "spricht von der Liebe wie kein anderer". Der Mann ist Tschingis Aitmatow und mit seinem Werk "Dshamilja" schafft er eine zarte Geschichte, die einfach und doch eindringlich von der Liebe und der Schönheit Kirgisiens erzählt.

Von Sandra Despont.

Kirgisien 1943. Die Männer sind an der Front und kämpfen gegen Deutschland. Den zurückgebliebenen Alten, Frauen und Kindern bleibt die schwere Erntearbeit auf der Kolchose. Der fünfzehnjährige Said, der Erzähler der Geschichte, will sich als Dschigit (Ernährer und Beschützer) seiner zwei Familien bewähren, denn er ist als einziger "Mann" nicht im Krieg. Als die Frau seines älteren Bruders, Dshamilja, Getreide zum weit entfernten Bahnhof fahren soll, bekommt Said, der heimlich in Dshamilja verliebt ist, den Auftrag sie zu begleiten

Dshamilja und Danijar: Gegensätze
Ebenfalls mit von der Partie ist Danijar, ein kürzlich von der Front zurückgekehrter, etwas mürrisch wirkender Einzelgänger. Danijar, ein verschlossener, rätselhafter und schüchterner Träumer will sich nicht recht in das Leben im Aul (Dorf), wo nur ein tatkräftiger Dschigit etwas gilt, einfügen und wird zum Aussenseiter. Auch Dshamilja entspricht durch ihre Ausgelassenheit, Offenheit und fast männliche Schroffheit nicht dem weiblichen Ideal der patriarchalischen und mit einer strengen Rangordnung versehenen Dorfgemeinschaft, in der "das Glück einer Frau ist, Kinder zu gebären und das Gut der Familie zu mehren." Als Said, Danijar und Dshamilja mit ihren Pferdewagen Tag für Tag Kornsäcke durch das Tal des Kukureu zum Bahnhof fahren, um erst nachts heimzukehren, wird schnell klar, dass Dshamilja und Danijar unterschiedlicher nicht sein könnten. Danijar reagiert auf die entschlossene und selbstsichere Dshamilja feindselig, fühlt sich aber doch von ihr angezogen, während Dshamilja Danijar abwechselnd mit Gleichgültigkeit und Spott behandelt.

Danijars Lied
Erst ein böser Streich bringt eine Wendung und mitten in der kirgisischen Nacht erklingt Danijars Lied, das Said und Dshamilja verzaubert und nicht mehr loslässt. Nacht für Nacht lauschen sie den Melodien Danijars, in denen "diese ganze Welt, alle Schönheit der Erde, Freude und Leid" enthalten sind. Dann, eines Nachts, singt Danijar wie nie zuvor. Er singt von der Liebe, und er singt nur für Dshamilja. Doch schon am übernächsten Tag erfährt Dshamilja, dass ihr Mann, mit dem sie nur vier Monate zusammengelebt hatte, bevor er an die Front musste, im Lazarett liegt und bald in den Aul zurückkehren wird

Laut dem Vorwort von Louis Aragon laufen Danijar und Dshamilja sogar Romeo und Julia den Rang ab; dem Werther und seiner Lotte sowieso. Wie dem auch sei - selbst ohne berühmte Liebespaare gegeneinander auszuspielen, wird kaum jemand, der ,Dshamilja' gelesen hat, bestreiten, dass die Erzählung eine der einfachsten und zugleich poetischsten, leidenschaftlichsten und zugleich reinsten Liebesgeschichten ist, die je geschrieben wurde.

Suhrkamp, 123 S., CHF 10.20

Zum Autor
Tschingis Aitmatow

Tschingis Aitmatow wurde 1928 in Kirgisien geboren. 1935 zieht er mit seinen Eltern nach Moskau, 1937 wird sein Vater Opfer der stalinistischen Repressionen. Nach der Rückkehr nach Kirgisien und dem Ausbruch des Kriegs arbeitet Aitmatow als Sekretär des Dorfsowjets. Er macht erst eine landwirtschaftliche Ausbildung, geht 1956 aber an das Maxim-Gorki-Literaturinstitut in Moskau, wo "Dshamilja" als Abschlussarbeit entsteht. Heute lebt Tschingis Aitmatow als Botschafter in Brüssel. Zu seinen weiteren Werken zählen "Du meine Pappel im roten Kopftuch", "Abschied von Gülsary", "Der weisse Dampfer", "Der Richtplatz", sowie seine Erinnerungen "Kindheit in Kirgisien".

Bisher erschienen:
Januar 04: Christa Wolfs "Kassandra"
Februar 04: Theodor Fontanes "Unterm Birnbaum"
März 04: Ralph Ellisons "Invisible Man"
April 04: Thomas Manns "Der kleine Herr Friedemann. Novellen"
Mai 04: August Gottlieb Meissners "Ausgewählte Kriminalgeschichten"
Juni 04: John Dos Passos' "Manhattan Transfer"
Juli 04: Marquis de Sades "Verbrechen der Liebe"
August 04: Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz"
September 04: Heinrich Bölls "Der Zug war pünktlich"
Oktober 04: James Joyces "Ulysses"

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