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Bücher, Autoren & Comics 11. Oktober 2004
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Wer hat Angst vor...
James Joyce: "Ulysses" (1922; Modernismus) | Grosstadtroman
Ein irrer Ire auf irrsinniger Irrfahrt


Deutsche Ausgabe


Englische Ausgabe


Erstausgabe


James Joyce
1922 erschien der vielleicht bedeutendste, schwierigste und berüchtigtste Roman des 20. Jahrhunderts. Ulysses ist der Mount Everest für Literaturbergsteiger, der Roman, den auch viele Literaturprofessoren aus Ehrfurcht nicht gelesen haben. Dabei ist die Lektüre nicht nur masochistisch. Wir geben eine Einführung in den Roman, mit dem sich James Joyce unsterblich geschrieben hat, und wir verraten, warum es sich lohnt, Ulysses in die Hand zu nehmen.

Von Lukas Hunziker.

Vor knapp vier Monaten konnte man in Dublin den hundertsten 'Bloomsday' feiern, den berühmtesten Tag in der Weltliteratur. Am 16. Juni nämlich 1904 beginnt die Odyssee Leopold Blooms. Neben seiner Frau Molly und dem jungen Schriftsteller Stephen Dedalus ist er der Protagonist des Ulysses, ein Held und Antiheld zugleich. Genauso wie Ulysses der vielleicht komplexeste Roman der Weltliteratur ist, ist Leopold Bloom die vielleicht komplexeste Figur. Als moderne Parodie auf den griechischen Helden Odysseus (englisch: Ulysses) irrt er durch Dublin auf einem Weg, den Literaturfans jedes Jahr, eben am 'Bloomsday' beschreiten'.

Irische Irrfahrt - Die Story von Ulysses
Die Handlung von Ulysses ist, wenn man sich bewusst macht dass der Roman rund tausend Seiten hat, spärlich. Sie beginnt mit Stephen Dedalus, der seinen Morgen mit einer Unterrichtsstunde und einem gedankenversunkenen Spaziergang am Strand verbringt. An diesen ersten 70 Seiten sind viele Leser gescheitert, da Stephens Gedankenwelt äußerst komplex und intellektuell geprägt ist, und unter anderem Grundkenntnisse der aristotelischen Philosophie voraussetzt. Aber durch diese Passagen kann man sich durchkämpfen.
Die Szene wechselt zum Morgenrituals Leopold Blooms, der seinen Tag mit Hammelnieren beginnt. Das erste, was wir über den Iren erfahren ist, dass er gerne die Innereien von Vieh und Geflügel isst. Mampf. Danach bringt er seiner Frau Molly das Frühstück ans Bett und verlässt das Haus, womit er seine Odyssee antritt. Diese ist vergleichsweise unspektakulär, jedoch bei genauerem Betrachten auch ungleich genial. Die 18 Episoden des Romans entspreche je einer Episode von Homers Odyssee. Zwar muss man die Entsprechungen oft suchen, aber wenn man einmal ein Gespür entwickelt hat, wird man Sirenen, einen Zyklopen und die schöne Nausikaa finden.
Während seines Tages trifft Bloom immer wieder auf Stephen, den er noch kaum kennt. Am Abend des langen Tages geht der Roman dann richtig los. Nachdem Bloom in einer Episode (die in Amerika zu Prozessen führte) beim Anblick der eben erwähnten Nausikaa masturbiert (obwohl ich das erst nicht mitbekommen habe und man verdammt genau lesen muss), zieht er mit Stephen und anderen Kumpanen los und landet schließlich im Bordell, wo sich ein schaurig komisches Kapitel abspielt. In des Form eines Theaterstückes geschrieben liefert dieses, als Circe-Episode bekannt, eine alptraumartige Szene, in der absurdeste Dinge geschehen, die mehr Traum als Wirklichkeit sind. Danach geht Stephen Dedalus mit Bloom nach Hause, wo sie gemütlich in der Küche sitzen.
Die letzte Episode ist wohl die berühmteste des Romans. Nachdem Bloom zu Molly ins Bett geht und einschläft, liefert Molly Bloom einen gut 60seitigen Monolog - ohne ein einziges Satzzeichen. Aber keine Angst, schwierig ist das Kapitel deshalb nicht, dafür aber das beste des Buches. Molly denkt über ihr Leben, über die Liebe zu Leopold und über ihre Affäre nach, die sie pflegt. Da sie mit ihrem Mann seit dem Tod des Sohnes vor elf Jahren keinen Sex mehr hatte, begann sie fremdzugehen, wessen sich Leopold durchaus bewusst wahr. Im Monolog Mollys sind Gedankengänge enthalten, die einmalig sind und den Leser fesseln und zum Nachdenken, Weinen und Lachen anregen. Das Buch endet mit einem Lebens- und Liebensbejahenden 'Yes'.

Bewusstseinsstrom - Der Stil von Ulysses
Was die Lektüre von Ulysses so schwer macht ist nicht die Story sondern der Stil. Wie schon erwähnt gliedert sich der Roman in 18 Episoden, von denen auch jeder einen anderen Stil besitzt. Ob Monolog, Drama, Katechismus oder gewöhnliche Erzählung, Joyce beherrscht alle Stile und zeigt es. Der Effekt ist, dass man, und genau das will Joyce, aus verschiedenen Perspektiven auf die Geschichte und ihre Charakteren blicken kann. Was den meisten Episoden gemeinsam ist, ist der innere Monolog, der mit dem stilistischen Mittel des Bewusstseinsstroms geschrieben ist. Ulysses ist das Paradebeispiel dieser Technik, bei der die Wahrnehmung und die Gedankengänge eine Charakters wie ein Strom fließen. Das heißt im Klartext, dass die Wahrnehmung sowie die Gedanken des Charakters Assoziationen wecken, die weitere Gedankengänge starten, die durch weitere Assoziationen abgelöst werden. Kompliziert, oder? Zur Illustration hier ein Beispiel:

Tapp. Tapp.
Schauder jetzt. Fühlen Mitleid. Müssen sich eine Träne abwischen, weil Märtyrer. Denn alles was verreckt, will, ums Verrecken, verrecken. Dafür wird alles geboren. Arme Mrs. Purefoy. Hoffe sie hats überstanden. Bloß weil ihr Schoss.
Ein von Frauenschoß feuchter Augapfel blickte unter einem Wimpernzaun vor, ruhig, lauschend. Wie schön das Auge in Wirklichkeit ist, sieht man erst wenn sie nicht spricht.

Dieses Beispiel ist repräsentativ für den normalen inner Monolog; es gibt schwerere Passagen, aber auch leichtere. Schwierig wird's, wenn die Satzzeichen fehlen, wie in Mollys Monolog. Im ganzen Buch verzichtet Joyce auch auf Anführungs- und Schlusszeichen, die er als 'perverted commas' bezeichnete (richtig heißen sie 'inverted commas). Dieser ungewöhnliche Stil ist jedoch schlicht Gewohnheitssache; wie gesagt, wer über die ersten, sagen wir zweihundert Seiten hinwegkommt, wird das Buch problemlos fertig lesen können. Zur Er- oder Entmutigung hier noch ein Auszug aus Molly Blooms Monolog.

... ist er ja sehr vornehm so ein Mann käme mir schon recht mein Gott nicht wie dies ganz andere Gesocks und ausserdem ist er jung wie diese schönen jungen Männer die ich unten im Margate gesehen hab von der Seite des Felsens am Badeplatz am Strand der eine stand hoch in der Sonne nackt wie ein Gott oder was und tauchte dann mit ihnen ins Meer warum sind nicht alle Männer so das wäre doch immerhin ein Trost für die Frauen wie zum Beispiel diese kleine Statue die er gekauft hat die könnte ich mir den ganzen Tag ansehen den Lockenkopf und die Schultern den Finger gehoben wie wenn man zuhören sollte was er sagt das ist doch mal wirkliche Schönheit und Poesie und ich hab oft das Gefühl gehabt ich möchte ihn von oben bis unten abküssen auch seinen allerliebsten kleinen Pimmel da einfach nur so ja ich würd nicht mal was dagegen haben ihn in den Mund zu nehmen ... sogar wenn was raus käme...

Verbrennungen und Prozesse - Ulysses' Publikationsskandal
"Das Buch ist ein Schwein" kommentierte selbst Joyce' Frau Nora, die nur 27 Seiten des Buches las. Und diese Meinung teilte die exzentrische Irin mit vielen Kritikern. Im Amerika, wo vor der Publikation bereits Auszüge in eine Magazin erschienen, wurde ein Prozess gegen die Redaktion des Magazins geführt und gewonnen. Joyce fürchtete schon, sein Buch würde niemals veröffentlicht, als Sylvia Beach, eine Verlegerin in Paris, den heiklen Job übernahm. Die Publikation erwies sich als nerventötend, da Joyce besessen von Details war. So wurde zum Beispiel sogar im Ausland nach dem Kobaltblau für den Umschlag des Buches gesucht, da Joyce einen ganz bestimmten Farbton haben wollte. Als das Buch 1922 schließlich zu kaufen war, empörte sich die bürgerliche Welt. Kritiker bezeichneten das Buch als "fäkalisch" und pornographisch und es wurde in England und Amerika verboten. Öffentliche Verbrennungen der ersten Ausgaben, die heute auf Auktionen Höchstpreise erzielen, markierten den Hass gegen Ulysses. Unter den Intellektuellen und Künstlern Europas herrschte jedoch fast einstimmige Begeisterung. Nach gut einem Jahrzehnt war das Buch dann auch in Amerika und England zu erwerben, doch noch in den Sechzigern wurde man oft schräg angesehen, wenn man nach Ulysses verlangte. Der obige Auszug zeigt jedoch in etwa das Höchstmass an Pornographie im Ulysses; prüde Leser müssen sich also nicht vor Sexorgien und Spermafontänen fürchten.
Berühmt ist das Buch in der Literatur jedoch nicht durch seine offene Stellungnahme zur Sexualität (zumindest nicht hauptsächlich), sonder durch sein radikales Form- und Stilexperiment, wie auch durch seine inhaltliche und thematische Komplexität.

Begleitbuch und Spielfilm - Lektürehilfen
Mit dem Roman allein kann man sich als Leser schnell verloren vorkommen. Zahlreiche Medien erleichtern jedoch die Lektüre und versprechen zusätzliches Vergnügen an Ulysses. Ein gutes deutsches Begleithandbuch ist Frank Zumbachs Joyce' Ulysses. Mit einer Einführung in die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte, sowie einfachen Kommentaren zu den einzelnen Episoden ist es ideal für den Einstieg. Wer Englisch kann und das Buch gar auf Englisch zu lesen beabsichtigt, kann sich auf dem Internet umsonst die Sparknotes konsultieren, die eine Einführung für Schüler und Studenten geben. Wer das Buch trotz allem nicht lesen will aber den Inhalt trotzdem erfahren möchte kann sich an die Verfilmungen halten. Die erste stammt von 1966. Die ersten zwei Drittel diese Films, der nach dem Roman benannt ist, sind eher enttäuschend, da das rapide Erzähltempo der Romanvorlage nicht gerecht wird. Das letzte Drittel wird von Mollys Monolog in Anspruch genommen, der genial umgesetzt wurde und mehr als sehenswert ist. Eine zweite Verfilmung ist noch kein Jahr alt und kommt aus Irland. Die farbige und viel gelobte Umsetzung Bloom ist neu als DVD erhältlich, wenn bis jetzt auch nur auf Englisch. Des weiteren zu empfehlen ist der Film Nora, welcher die Beziehung von Joyce und seiner Frau (mit Ewan McGregor als Joyce) gelungen zeigt.

Lektüretipps - Wie versteht man Ulysses?
Hier folgen 5 Tipps, welche das Lesen von Joyce' Roman erheblich erleichtern und das Lesevergnügen steigern sollten:

1. Man informiere sich als Vorbereitung über die irische Geschichte. Umfassende Kenntnisse sind nicht nötig, aber zumindest von Parnell sollte man schon einmal etwas gehört haben.
2. Wer die Odyssee Homers nie gelesen hat, sollte dies entweder vor der Lektüre des Ulysses nachholen oder eine Nacherzählung, wie jene von Gustav Schwab, lesen.
3. Wer sich richtig gut vorbereiten will kann Joyce' Erstlingswerk Portrait des Künstlers als junger Mann lesen, welches Stephen Dedalus vorstellt, der auch im Ulysses auftaucht. Auch der Erzählband Dubliners ist eine gute Einführung.
4. Da Ulysses ein Werk des Modernismus ist, dürfte es nichts schaden, sich über diese Literaturperiode etwas zu informieren um zu verstehen, um was es den Modernisten ging.
5. Während der Lektüre kann es, wie oben schon erwähnt, nicht schaden, Frank Zumbachs Einführung in Griffnähe zu halten. Das Einleitungskapitel dieses preiswerten Begleiters kann ebenfalls als Vorbereitung genossen werden.

Somit steht dem Besteigen des literarischen Mount Everest nichts mehr im Wege. Natürlich kann man auch schnurstracks zu lesen beginnen. Wenn man aber nicht ein sehr verbissener Leser ist, sind dann die Chancen größer, dass man doch aufgibt und am Fuß des Berges umkehrt. Wenn man es jedoch schafft und nach vielen Stunden die letzten Worte von Ulysses liest und dann vom Buch aufschaut, dann hat man doch ein triumphierendes Gefühl, das einer Everestbesteigung in Nichts nachsteht.

Deutsche Ausgabe: Suhrkamp, 987 Seiten, CHF 29.90
Englische Ausgabe: Penguin, 939 Seiten, CHF 19.50

Zum Autor

James Joyce wurde am zweiten Februar 1882 in Dublin geboren. Schon als Student lehnte er sich gegen den strengen irischen Katholizismus auf und veröffentlichte einen Angriff auf den irischen Dichter Yeats. 1902 ging Joyce nach Paris und studierte Medizin, brach das Studium aber an und wandte sich in Dublin der Literatur zu. 1904 traf er Nora Barnacle und verließ mit ihr Irland. Er lebte mit ihr in Rom, Trieste, Zürich und Paris. Joyce starb 1941 im Alter von 59 Jahren in Zürich, inzwischen beinahe blind durch eine Augenkrankheit. Zu Joyce' Meisterwerken gehört der stark autobiographische Roman Portrait of the Artist as a young Man, der Erzählband Dubliners, Ulysses und der Roman Finnegan's Wake. Daneben verfasste er Gedichte und ein Theaterstück. Joyce gilt als einer der größten und einflussreichsten Autoren des 20. Jahrhunderts und zu den ganz Großen der Weltliteratur.

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