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Wer hat Angst vor...
James Joyce: "Ulysses" (1922; Modernismus) | Grosstadtroman
Ein irrer Ire auf irrsinniger Irrfahrt

Deutsche Ausgabe

Englische Ausgabe

Erstausgabe

James Joyce
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1922 erschien der vielleicht
bedeutendste, schwierigste und berüchtigtste Roman des 20.
Jahrhunderts. Ulysses ist der Mount Everest für Literaturbergsteiger,
der Roman, den auch viele Literaturprofessoren aus Ehrfurcht
nicht gelesen haben. Dabei ist die Lektüre nicht nur masochistisch.
Wir geben eine Einführung in den Roman, mit dem sich James
Joyce unsterblich geschrieben hat, und wir verraten, warum es
sich lohnt, Ulysses in die Hand zu nehmen.
Von Lukas Hunziker.
Vor knapp vier Monaten konnte
man in Dublin den hundertsten 'Bloomsday' feiern, den berühmtesten
Tag in der Weltliteratur. Am 16. Juni nämlich 1904 beginnt
die Odyssee Leopold Blooms. Neben seiner Frau Molly und dem jungen
Schriftsteller Stephen Dedalus ist er der Protagonist des Ulysses,
ein Held und Antiheld zugleich. Genauso wie Ulysses der
vielleicht komplexeste Roman der Weltliteratur ist, ist Leopold
Bloom die vielleicht komplexeste Figur. Als moderne Parodie auf
den griechischen Helden Odysseus (englisch: Ulysses) irrt er
durch Dublin auf einem Weg, den Literaturfans jedes Jahr, eben
am 'Bloomsday' beschreiten'.
Irische Irrfahrt - Die Story
von Ulysses
Die Handlung von Ulysses ist, wenn man sich bewusst macht
dass der Roman rund tausend Seiten hat, spärlich. Sie beginnt
mit Stephen Dedalus, der seinen Morgen mit einer Unterrichtsstunde
und einem gedankenversunkenen Spaziergang am Strand verbringt.
An diesen ersten 70 Seiten sind viele Leser gescheitert, da Stephens
Gedankenwelt äußerst komplex und intellektuell geprägt
ist, und unter anderem Grundkenntnisse der aristotelischen Philosophie
voraussetzt. Aber durch diese Passagen kann man sich durchkämpfen.
Die Szene wechselt zum Morgenrituals Leopold Blooms, der seinen
Tag mit Hammelnieren beginnt. Das erste, was wir über den
Iren erfahren ist, dass er gerne die Innereien von Vieh und Geflügel
isst. Mampf. Danach bringt er seiner Frau Molly das Frühstück
ans Bett und verlässt das Haus, womit er seine Odyssee antritt.
Diese ist vergleichsweise unspektakulär, jedoch bei genauerem
Betrachten auch ungleich genial. Die 18 Episoden des Romans entspreche
je einer Episode von Homers Odyssee. Zwar muss man die
Entsprechungen oft suchen, aber wenn man einmal ein Gespür
entwickelt hat, wird man Sirenen, einen Zyklopen und die schöne
Nausikaa finden.
Während seines Tages trifft Bloom immer wieder auf Stephen,
den er noch kaum kennt. Am Abend des langen Tages geht der Roman
dann richtig los. Nachdem Bloom in einer Episode (die in Amerika
zu Prozessen führte) beim Anblick der eben erwähnten
Nausikaa masturbiert (obwohl ich das erst nicht mitbekommen habe
und man verdammt genau lesen muss), zieht er mit Stephen und
anderen Kumpanen los und landet schließlich im Bordell,
wo sich ein schaurig komisches Kapitel abspielt. In des Form
eines Theaterstückes geschrieben liefert dieses, als Circe-Episode
bekannt, eine alptraumartige Szene, in der absurdeste Dinge geschehen,
die mehr Traum als Wirklichkeit sind. Danach geht Stephen Dedalus
mit Bloom nach Hause, wo sie gemütlich in der Küche
sitzen.
Die letzte Episode ist wohl die berühmteste des Romans.
Nachdem Bloom zu Molly ins Bett geht und einschläft, liefert
Molly Bloom einen gut 60seitigen Monolog - ohne ein einziges
Satzzeichen. Aber keine Angst, schwierig ist das Kapitel deshalb
nicht, dafür aber das beste des Buches. Molly denkt über
ihr Leben, über die Liebe zu Leopold und über ihre
Affäre nach, die sie pflegt. Da sie mit ihrem Mann seit
dem Tod des Sohnes vor elf Jahren keinen Sex mehr hatte, begann
sie fremdzugehen, wessen sich Leopold durchaus bewusst wahr.
Im Monolog Mollys sind Gedankengänge enthalten, die einmalig
sind und den Leser fesseln und zum Nachdenken, Weinen und Lachen
anregen. Das Buch endet mit einem Lebens- und Liebensbejahenden
'Yes'.
Bewusstseinsstrom - Der
Stil von Ulysses
Was die Lektüre von Ulysses so schwer macht ist nicht die
Story sondern der Stil. Wie schon erwähnt gliedert sich
der Roman in 18 Episoden, von denen auch jeder einen anderen
Stil besitzt. Ob Monolog, Drama, Katechismus oder gewöhnliche
Erzählung, Joyce beherrscht alle Stile und zeigt es. Der
Effekt ist, dass man, und genau das will Joyce, aus verschiedenen
Perspektiven auf die Geschichte und ihre Charakteren blicken
kann. Was den meisten Episoden gemeinsam ist, ist der innere
Monolog, der mit dem stilistischen Mittel des Bewusstseinsstroms
geschrieben ist. Ulysses ist das Paradebeispiel dieser
Technik, bei der die Wahrnehmung und die Gedankengänge eine
Charakters wie ein Strom fließen. Das heißt im Klartext,
dass die Wahrnehmung sowie die Gedanken des Charakters Assoziationen
wecken, die weitere Gedankengänge starten, die durch weitere
Assoziationen abgelöst werden. Kompliziert, oder? Zur Illustration
hier ein Beispiel:
Tapp. Tapp.
Schauder jetzt. Fühlen Mitleid. Müssen sich eine Träne
abwischen, weil Märtyrer. Denn alles was verreckt, will,
ums Verrecken, verrecken. Dafür wird alles geboren. Arme
Mrs. Purefoy. Hoffe sie hats überstanden. Bloß weil
ihr Schoss.
Ein von Frauenschoß feuchter Augapfel blickte unter einem
Wimpernzaun vor, ruhig, lauschend. Wie schön das Auge in
Wirklichkeit ist, sieht man erst wenn sie nicht spricht.
Dieses Beispiel ist repräsentativ
für den normalen inner Monolog; es gibt schwerere Passagen,
aber auch leichtere. Schwierig wird's, wenn die Satzzeichen fehlen,
wie in Mollys Monolog. Im ganzen Buch verzichtet Joyce auch auf
Anführungs- und Schlusszeichen, die er als 'perverted commas'
bezeichnete (richtig heißen sie 'inverted commas). Dieser
ungewöhnliche Stil ist jedoch schlicht Gewohnheitssache;
wie gesagt, wer über die ersten, sagen wir zweihundert Seiten
hinwegkommt, wird das Buch problemlos fertig lesen können.
Zur Er- oder Entmutigung hier noch ein Auszug aus Molly Blooms
Monolog.
... ist er ja sehr vornehm so
ein Mann käme mir schon recht mein Gott nicht wie dies ganz
andere Gesocks und ausserdem ist er jung wie diese schönen
jungen Männer die ich unten im Margate gesehen hab von der
Seite des Felsens am Badeplatz am Strand der eine stand hoch
in der Sonne nackt wie ein Gott oder was und tauchte dann mit
ihnen ins Meer warum sind nicht alle Männer so das wäre
doch immerhin ein Trost für die Frauen wie zum Beispiel
diese kleine Statue die er gekauft hat die könnte ich mir
den ganzen Tag ansehen den Lockenkopf und die Schultern den Finger
gehoben wie wenn man zuhören sollte was er sagt das ist
doch mal wirkliche Schönheit und Poesie und ich hab oft
das Gefühl gehabt ich möchte ihn von oben bis unten
abküssen auch seinen allerliebsten kleinen Pimmel da einfach
nur so ja ich würd nicht mal was dagegen haben ihn in den
Mund zu nehmen ... sogar wenn was raus käme...
Verbrennungen und Prozesse
- Ulysses' Publikationsskandal
"Das Buch ist ein
Schwein" kommentierte selbst Joyce' Frau Nora, die nur 27
Seiten des Buches las. Und diese Meinung teilte die exzentrische
Irin mit vielen Kritikern. Im Amerika, wo vor der Publikation
bereits Auszüge in eine Magazin erschienen, wurde ein Prozess
gegen die Redaktion des Magazins geführt und gewonnen. Joyce
fürchtete schon, sein Buch würde niemals veröffentlicht,
als Sylvia Beach, eine Verlegerin in Paris, den heiklen Job übernahm.
Die Publikation erwies sich als nerventötend, da Joyce besessen
von Details war. So wurde zum Beispiel sogar im Ausland nach
dem Kobaltblau für den Umschlag des Buches gesucht, da Joyce
einen ganz bestimmten Farbton haben wollte. Als das Buch 1922
schließlich zu kaufen war, empörte sich die bürgerliche
Welt. Kritiker bezeichneten das Buch als "fäkalisch"
und pornographisch und es wurde in England und Amerika verboten.
Öffentliche Verbrennungen der ersten Ausgaben, die heute
auf Auktionen Höchstpreise erzielen, markierten den Hass
gegen Ulysses. Unter den Intellektuellen und Künstlern
Europas herrschte jedoch fast einstimmige Begeisterung. Nach
gut einem Jahrzehnt war das Buch dann auch in Amerika und England
zu erwerben, doch noch in den Sechzigern wurde man oft schräg
angesehen, wenn man nach Ulysses verlangte. Der obige
Auszug zeigt jedoch in etwa das Höchstmass an Pornographie
im Ulysses; prüde Leser müssen sich also nicht
vor Sexorgien und Spermafontänen fürchten.
Berühmt ist das Buch in der Literatur jedoch nicht durch
seine offene Stellungnahme zur Sexualität (zumindest nicht
hauptsächlich), sonder durch sein radikales Form- und Stilexperiment,
wie auch durch seine inhaltliche und thematische Komplexität.
Begleitbuch und Spielfilm
- Lektürehilfen
Mit dem Roman allein
kann man sich als Leser schnell verloren vorkommen. Zahlreiche
Medien erleichtern jedoch die Lektüre und versprechen zusätzliches
Vergnügen an Ulysses. Ein gutes deutsches Begleithandbuch
ist Frank Zumbachs Joyce' Ulysses. Mit einer Einführung
in die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte, sowie einfachen Kommentaren
zu den einzelnen Episoden ist es ideal für den Einstieg.
Wer Englisch kann und das Buch gar auf Englisch zu lesen beabsichtigt,
kann sich auf dem Internet umsonst die Sparknotes konsultieren,
die eine Einführung für Schüler und Studenten
geben. Wer das Buch trotz allem nicht lesen will aber den Inhalt
trotzdem erfahren möchte kann sich an die Verfilmungen halten.
Die erste stammt von 1966. Die ersten zwei Drittel diese Films,
der nach dem Roman benannt ist, sind eher enttäuschend,
da das rapide Erzähltempo der Romanvorlage nicht gerecht
wird. Das letzte Drittel wird von Mollys Monolog in Anspruch
genommen, der genial umgesetzt wurde und mehr als sehenswert
ist. Eine zweite Verfilmung ist noch kein Jahr alt und kommt
aus Irland. Die farbige und viel gelobte Umsetzung Bloom
ist neu als DVD erhältlich, wenn bis jetzt auch nur auf
Englisch. Des weiteren zu empfehlen ist der Film Nora, welcher
die Beziehung von Joyce und seiner Frau (mit Ewan McGregor als
Joyce) gelungen zeigt.
Lektüretipps - Wie
versteht man Ulysses?
Hier folgen 5 Tipps,
welche das Lesen von Joyce' Roman erheblich erleichtern und das
Lesevergnügen steigern sollten:
1. Man informiere sich als Vorbereitung
über die irische Geschichte. Umfassende Kenntnisse sind
nicht nötig, aber zumindest von Parnell sollte man schon
einmal etwas gehört haben.
2. Wer die Odyssee Homers nie gelesen hat, sollte dies
entweder vor der Lektüre des Ulysses nachholen oder
eine Nacherzählung, wie jene von Gustav Schwab, lesen.
3. Wer sich richtig gut vorbereiten will kann Joyce' Erstlingswerk
Portrait des Künstlers als junger Mann lesen, welches
Stephen Dedalus vorstellt, der auch im Ulysses auftaucht.
Auch der Erzählband Dubliners ist eine gute Einführung.
4. Da Ulysses ein Werk des Modernismus ist, dürfte
es nichts schaden, sich über diese Literaturperiode etwas
zu informieren um zu verstehen, um was es den Modernisten ging.
5. Während der Lektüre kann es, wie oben schon erwähnt,
nicht schaden, Frank Zumbachs Einführung in Griffnähe
zu halten. Das Einleitungskapitel dieses preiswerten Begleiters
kann ebenfalls als Vorbereitung genossen werden.
Somit steht dem Besteigen des
literarischen Mount Everest nichts mehr im Wege. Natürlich
kann man auch schnurstracks zu lesen beginnen. Wenn man aber
nicht ein sehr verbissener Leser ist, sind dann die Chancen größer,
dass man doch aufgibt und am Fuß des Berges umkehrt. Wenn
man es jedoch schafft und nach vielen Stunden die letzten Worte
von Ulysses liest und dann vom Buch aufschaut, dann hat
man doch ein triumphierendes Gefühl, das einer Everestbesteigung
in Nichts nachsteht.
Deutsche Ausgabe: Suhrkamp, 987
Seiten, CHF 29.90
Englische Ausgabe: Penguin, 939 Seiten, CHF 19.50
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Zum Autor
James Joyce wurde am zweiten
Februar 1882 in Dublin geboren. Schon als Student lehnte er sich
gegen den strengen irischen Katholizismus auf und veröffentlichte
einen Angriff auf den irischen Dichter Yeats. 1902 ging Joyce
nach Paris und studierte Medizin, brach das Studium aber an und
wandte sich in Dublin der Literatur zu. 1904 traf er Nora Barnacle
und verließ mit ihr Irland. Er lebte mit ihr in Rom, Trieste,
Zürich und Paris. Joyce starb 1941 im Alter von 59 Jahren
in Zürich, inzwischen beinahe blind durch eine Augenkrankheit.
Zu Joyce' Meisterwerken gehört der stark autobiographische
Roman Portrait of the Artist as a young Man, der Erzählband
Dubliners, Ulysses und der Roman Finnegan's
Wake. Daneben verfasste er Gedichte und ein Theaterstück.
Joyce gilt als einer der größten und einflussreichsten
Autoren des 20. Jahrhunderts und zu den ganz Großen der
Weltliteratur.
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