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Eine Autorin liest an der 56.
Frankfurter Buchmesse und berichtet
"Sandkörner in der Bücherwüste"
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Autorin Stefanie Christ
an der 56. Frankfurter Buchmesse |
Einige Leute der fast
300´000 Besucher gehen am Verlagsstand vorbei. Ich sitze
auf meinem erhöhten Stuhl vor dem Rednerpult und stelle
das Mikrofon auf meine Höhe ein. Zum Glück, denke ich.
Ohne Mikrofon die Messebesucher der 56. Frankfurter Buchmesse
auf meine sandkörnige Existenz in der Wüste Buchpublikationen
aufmerksam zu machen, wäre ein schwieriges Vorhaben.
Von Stefanie Christ, Autorin.
Zumal sich unter der Messekuppel
ein Stimmengewirr zu einem Lärmklumpen gebildet hat, der
die eigene Stimmwahrnehmung irreführt.
Meine Begleiter stellen sich etwas zurückhaltend rechts
und links neben das Rednerpult.
Du hast schon oft vorgelesen, beruhige ich mich. Kein Grund nervös
zu sein, nur weil ich einem mitten im Messegelände Frankfurts
vor einem deutschen Publikum sitze, das nicht gekommen ist, um
mich lesen zu hören. Aus diesem Grund beginne ich die Lesung
mit einer kurzen Vorstellung meiner Person.
Die vorbeigehenden Menschen zucken leicht erschrocken zusammen.
Sie haben nicht damit gerechnet, stimmlich von der Seite überfallen
zu werden. Die meisten gehen weiter, einige scheinen nicht schlüssig,
ob sie mir zuhören sollen oder doch besser in eines der
über 300´000 anderen Bücher hineinzulesen.
"'Ich will ein Buch schreiben.'sagte
ich. Dann haben mich die anderen ausgelacht.
Wie willst Du schon ein Buch schreiben?' spotteten sie, bevor
sie sich wieder von mir abwandten."
"Ein fremdes Individuum"
Ich blicke kurz auf, nur um ich zu vergewissern, ob schon jemand
zuhört. Jemand, der nicht mit mir zusammen angereist ist.
Ich versuche, mein Aufsehen auf wenige Sekunden zu beschränken,
so dass alle eventuellen Zuhörer den Unterbruch als Denkpause
wahrnehmen. Nicht mehr. Ein kurzer Blick. Ich sehe fünf
Menschen. Die gleichen, die zuvor fünf Stunden neben mir
im Zug gesessen sind, die sich um vier Uhr in der Früh aus
der warmen Umarmung der Bettdecke loslösten, um mich bei
meiner ersten Lesung in Deutschland zu unterstützen.
Wieder der Text.
"Es war Sylvesterabend.
Wir sassen im Schwesternzimmer, rauchten amerikanische Zigaretten
und tranken billigen Rotwein aus der Kantine. Unser Haar schimmerte
grünlich im Neonlicht, das flackte."
Da! Ich habe es genau gesehen!
In meinem Augenwinkel flitze ein mir fremdes Individuum und Messebesucher
vorbei, blieb kurz stehen und warf einen Blick auf mein Namensschild.
Ich versuche gleichzeitig auf den Text und den Fremden zu schielen,
doch meine Augen lassen sich nicht in verschiedene Richtungen
drehen.
Ein Stolperer. "Flackte" anstatt "Flackerte".
Ich muss meine Orientierungslosigkeit im Buch vertuschen. Improvisation,
ich erfinde kurzerhand einige Überbrückungssätze,
um wieder nach der verlorenen Stelle im Text zu suchen.
"Alle sprachen von Neuanfang.
Mir kam es wie das Ende vor. Genauso tot wie die Kippen."
Etwas Pinkes huscht vor mir hin
und her. Aber dieses Mal will ich mich nicht irritieren lassen.
Während sich meine Gedanken darauf konzentrieren, nicht
an das pinkige Etwas zu denken, formt mein Mund weiterhin die
gedruckten Worte und schickt sie in die Messehalle. Ohne von
mir gehört zu werden. Wie ein Roboter mit Sprachtraining
lese ich vor, während meine Gedanken damit beschäftigt
sind, den Trubel um mich zu verdrängen. Ich lese zum ersten
Mal vor einem Messepublikum. Bis jetzt war ich es mir gewohnt,
dass die Menschen meinetwegen eine Lesung besuchten und sich
während der durchschnittlich 20 Minuten kaum bewegten, höchstens,
um hin und wieder zu nicken oder sich die Haare aus dem Gesicht
zu streichen.
Da, ein Blitz, ein Foto. Und schon wieder eins. Nun werden die
Veranstalter aktiv. Für ihre Dokumentation halten sie mich
fotografisch fest.
"Trunk" statt "Trank". Der Fotoapparat hat
einen falschen Vokal in mein Wort geknippst.
"Noch mehr Wein. Ich
trunk ihn. Ohne zu wissen warum, es erschien mir richtig. Arbeit
hatten wir kaum auf der Schlafstation - so nannten wir sie. Wer
hier landete, konnte entweder sterben oder zur Schlagzeile werden."
Langsam schlossen sich die hellen
Lücken vor meinen Augen. Mehrere Zuhörer bleiben stehen
und hören mir zu. Ich beruhige mich, fühle mich wahrgenommen.
Der Lesefluss wird ruhiger und gleichmässiger.
"Obwohl ich das Licht
nicht anknipste, wusste ich von dem Blut. Ich konnte es riechen,
es klebte an seinen Händen und Kleidern. Ich wusste nicht,
ob es sein eigenes war, doch ich glaubte nicht. Ich kannte den
Geruch von seinem Blut."
Ich atme durch, will zum nächsten
Absatz ansetzen, da werden meine Ohren abgelenkt. Folkloristische
Musik dringt heran, eine grosse Menschenmenge beginnt im Erdgeschoss
der Messehalle 3 im Takt zu klatschen. Während ich vom Messer
erzähle, das sich in Jans Rücken bohrt, sehe ich vor
meinem inneren Auge bunte Tänzer in Tellerröcken, die
zur arabischen Musik drehen. Und drehen und drehen bis mir schwindlig
wird.
Wasser. Ich denke an Wasser. Und an die Tänzer. Die Musik
entführt mich für einen kurzen Augenblick aus der Messehalle
in die Arabische Welt, das Gastland der 56. Frankfurter Buchmesse.
"Alle sind erschöpft"
Eine halbe Stunde später schiebe ich mich auch durch die
überfüllten Gänge der Ausstellung. Die Bücher
sind überall. Sie erdrücken die Augen. Bei den interessanten
Verlagen versuche ich anzuhalten, doch die Menschenmenge hinter
mit stösst mich bereits weiter. Ich nehme links und rechts
von mir Autorenlesungen wahr. Einige finden im kleinen Rahmen
statt. Der Autor steht hinter einem Rednerpult und kämpft
um die Aufmerksamkeit der Menschen. Andere Messestände haben
Radio- oder Fernsehstudios eingerichtet, in denen die Autoren
interviewt werden, die sich von den restlichen Sandkörnern
absetzen konnten.
Nach einem 20 Stunden Tag sitzen wir wieder im Zug. Alle sind
erschöpft. Nicht vom frühen Aufstehen, sondern von
den Menschen und den Büchern. Ich greife in einen Plastiksatz
und begutachte die 1929 Ausgabe von Edgar Wallace´ "Der
viereckige Smaragd" - ein Geburtstagsgeschenk. Gefunden
habe ich es nicht im Büchermeer der Messehalle, sondern
an einem Antiquariatsstand vor dem Haupteingang zum Messegelände.
Dann wird der Zugabteil für kurze Zeit in ein Radiostudio
umfunktioniert. Ein Journalist hält mir ein Mikrofon unter
die Nase. Später werden rund 500 Menschen im Internet meine
erschöpften Antworten hören können. Dabei werden
sie vor dem Computer hin und her laufen oder E-Mails schreiben.
Ab und zu werden sie vielleicht stehen bleiben und mir für
einen kurzen Augenblick zuhören.
Stefanie Christ: Jans Schlaf.
Cornelia Goethe Literaturverlag, 2004
www.stefanie-christ.ch
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