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Bücher, Autoren & Comics 11. Oktober 2004
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Hintergrund

Eine Autorin liest an der 56. Frankfurter Buchmesse und berichtet
"Sandkörner in der Bücherwüste"

Autorin Stefanie Christ an der 56. Frankfurter Buchmesse
Einige Leute der fast 300´000 Besucher gehen am Verlagsstand vorbei. Ich sitze auf meinem erhöhten Stuhl vor dem Rednerpult und stelle das Mikrofon auf meine Höhe ein. Zum Glück, denke ich. Ohne Mikrofon die Messebesucher der 56. Frankfurter Buchmesse auf meine sandkörnige Existenz in der Wüste Buchpublikationen aufmerksam zu machen, wäre ein schwieriges Vorhaben.

Von Stefanie Christ, Autorin.

Zumal sich unter der Messekuppel ein Stimmengewirr zu einem Lärmklumpen gebildet hat, der die eigene Stimmwahrnehmung irreführt.
Meine Begleiter stellen sich etwas zurückhaltend rechts und links neben das Rednerpult.
Du hast schon oft vorgelesen, beruhige ich mich. Kein Grund nervös zu sein, nur weil ich einem mitten im Messegelände Frankfurts vor einem deutschen Publikum sitze, das nicht gekommen ist, um mich lesen zu hören. Aus diesem Grund beginne ich die Lesung mit einer kurzen Vorstellung meiner Person.
Die vorbeigehenden Menschen zucken leicht erschrocken zusammen. Sie haben nicht damit gerechnet, stimmlich von der Seite überfallen zu werden. Die meisten gehen weiter, einige scheinen nicht schlüssig, ob sie mir zuhören sollen oder doch besser in eines der über 300´000 anderen Bücher hineinzulesen.

"'Ich will ein Buch schreiben.'sagte ich. Dann haben mich die anderen ausgelacht.
Wie willst Du schon ein Buch schreiben?' spotteten sie, bevor sie sich wieder von mir abwandten."

"Ein fremdes Individuum"
Ich blicke kurz auf, nur um ich zu vergewissern, ob schon jemand zuhört. Jemand, der nicht mit mir zusammen angereist ist. Ich versuche, mein Aufsehen auf wenige Sekunden zu beschränken, so dass alle eventuellen Zuhörer den Unterbruch als Denkpause wahrnehmen. Nicht mehr. Ein kurzer Blick. Ich sehe fünf Menschen. Die gleichen, die zuvor fünf Stunden neben mir im Zug gesessen sind, die sich um vier Uhr in der Früh aus der warmen Umarmung der Bettdecke loslösten, um mich bei meiner ersten Lesung in Deutschland zu unterstützen.
Wieder der Text.

"Es war Sylvesterabend. Wir sassen im Schwesternzimmer, rauchten amerikanische Zigaretten und tranken billigen Rotwein aus der Kantine. Unser Haar schimmerte grünlich im Neonlicht, das flackte."

Da! Ich habe es genau gesehen! In meinem Augenwinkel flitze ein mir fremdes Individuum und Messebesucher vorbei, blieb kurz stehen und warf einen Blick auf mein Namensschild.
Ich versuche gleichzeitig auf den Text und den Fremden zu schielen, doch meine Augen lassen sich nicht in verschiedene Richtungen drehen.
Ein Stolperer. "Flackte" anstatt "Flackerte". Ich muss meine Orientierungslosigkeit im Buch vertuschen. Improvisation, ich erfinde kurzerhand einige Überbrückungssätze, um wieder nach der verlorenen Stelle im Text zu suchen.

"Alle sprachen von Neuanfang. Mir kam es wie das Ende vor. Genauso tot wie die Kippen."

Etwas Pinkes huscht vor mir hin und her. Aber dieses Mal will ich mich nicht irritieren lassen. Während sich meine Gedanken darauf konzentrieren, nicht an das pinkige Etwas zu denken, formt mein Mund weiterhin die gedruckten Worte und schickt sie in die Messehalle. Ohne von mir gehört zu werden. Wie ein Roboter mit Sprachtraining lese ich vor, während meine Gedanken damit beschäftigt sind, den Trubel um mich zu verdrängen. Ich lese zum ersten Mal vor einem Messepublikum. Bis jetzt war ich es mir gewohnt, dass die Menschen meinetwegen eine Lesung besuchten und sich während der durchschnittlich 20 Minuten kaum bewegten, höchstens, um hin und wieder zu nicken oder sich die Haare aus dem Gesicht zu streichen.
Da, ein Blitz, ein Foto. Und schon wieder eins. Nun werden die Veranstalter aktiv. Für ihre Dokumentation halten sie mich fotografisch fest.
"Trunk" statt "Trank". Der Fotoapparat hat einen falschen Vokal in mein Wort geknippst.

"Noch mehr Wein. Ich trunk ihn. Ohne zu wissen warum, es erschien mir richtig. Arbeit hatten wir kaum auf der Schlafstation - so nannten wir sie. Wer hier landete, konnte entweder sterben oder zur Schlagzeile werden."

Langsam schlossen sich die hellen Lücken vor meinen Augen. Mehrere Zuhörer bleiben stehen und hören mir zu. Ich beruhige mich, fühle mich wahrgenommen. Der Lesefluss wird ruhiger und gleichmässiger.

"Obwohl ich das Licht nicht anknipste, wusste ich von dem Blut. Ich konnte es riechen, es klebte an seinen Händen und Kleidern. Ich wusste nicht, ob es sein eigenes war, doch ich glaubte nicht. Ich kannte den Geruch von seinem Blut."

Ich atme durch, will zum nächsten Absatz ansetzen, da werden meine Ohren abgelenkt. Folkloristische Musik dringt heran, eine grosse Menschenmenge beginnt im Erdgeschoss der Messehalle 3 im Takt zu klatschen. Während ich vom Messer erzähle, das sich in Jans Rücken bohrt, sehe ich vor meinem inneren Auge bunte Tänzer in Tellerröcken, die zur arabischen Musik drehen. Und drehen und drehen bis mir schwindlig wird.
Wasser. Ich denke an Wasser. Und an die Tänzer. Die Musik entführt mich für einen kurzen Augenblick aus der Messehalle in die Arabische Welt, das Gastland der 56. Frankfurter Buchmesse.

"Alle sind erschöpft"
Eine halbe Stunde später schiebe ich mich auch durch die überfüllten Gänge der Ausstellung. Die Bücher sind überall. Sie erdrücken die Augen. Bei den interessanten Verlagen versuche ich anzuhalten, doch die Menschenmenge hinter mit stösst mich bereits weiter. Ich nehme links und rechts von mir Autorenlesungen wahr. Einige finden im kleinen Rahmen statt. Der Autor steht hinter einem Rednerpult und kämpft um die Aufmerksamkeit der Menschen. Andere Messestände haben Radio- oder Fernsehstudios eingerichtet, in denen die Autoren interviewt werden, die sich von den restlichen Sandkörnern absetzen konnten.
Nach einem 20 Stunden Tag sitzen wir wieder im Zug. Alle sind erschöpft. Nicht vom frühen Aufstehen, sondern von den Menschen und den Büchern. Ich greife in einen Plastiksatz und begutachte die 1929 Ausgabe von Edgar Wallace´ "Der viereckige Smaragd" - ein Geburtstagsgeschenk. Gefunden habe ich es nicht im Büchermeer der Messehalle, sondern an einem Antiquariatsstand vor dem Haupteingang zum Messegelände.
Dann wird der Zugabteil für kurze Zeit in ein Radiostudio umfunktioniert. Ein Journalist hält mir ein Mikrofon unter die Nase. Später werden rund 500 Menschen im Internet meine erschöpften Antworten hören können. Dabei werden sie vor dem Computer hin und her laufen oder E-Mails schreiben. Ab und zu werden sie vielleicht stehen bleiben und mir für einen kurzen Augenblick zuhören.

Stefanie Christ: Jans Schlaf. Cornelia Goethe Literaturverlag, 2004

www.stefanie-christ.ch

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