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Heinrich Böll: "Der
Zug war pünktlich" (1949; "Trümmerliteratur",
Neorealismus) | Erzählung
Leichen sind schwerer als die ganze
Welt
Zur Zeit des zweiten
Weltkrieges spielt diese erste Buchveröffentlichung von
Heinrich Böll vom Jahre 1949, die zu unrecht gerne übergangen
wird zugunsten seiner anderen Werke. Eine eindrückliche
Studie eines jungen Soldaten auf dem Weg in den Tod und ein Blick
auf den Krieg aus der Sicht des menschlichen Kriegsmaterials.
Von Petra Gehrmann.
Was tut man, wenn man weiss,
dass man den kommenden Sonntag nicht überleben wird. Essen,
Schlafen, Karten spielen oder vielleicht beten? Gleich zu Beginn
der Lektüre werden wir damit konfrontiert, dass der 24 jährige
Soldat Andreas, der sich im Zug zurück an die Ostfront befindet,
weiss, dass er bald sterben wird: "Ich will nicht sterben,
das ist das Furchtbare, dass ich nicht sterben will."
Doch der Zug verschleppt ihn unaufhaltsam und unbarmherzig seinem
Ende entgegen, an einem Ort, von dem er nur den Namen kennt.
Beim Abschied an Zügen,
die in den Tod führen
Böll lässt uns an Andreas Gedanken teilhaben, in einer
einfachen, klaren und präzisen Sprache, die diese dramatische
Geschichte unsentimental und gerade deshalb bewegend erzählt.
Das Werk ist dabei von einer schier unerträglichen Hoffnungslosigkeit
durchdrungen. Dies äussert sich indem Andreas gar nicht
gegen sein Ende ankämpfen könnte, da er sein Gewehr
zu Hause vergessen hat. Auch die zwei anderen Soldaten, die zu
seinen Begleitern werden, deren Geschichten geprägt sind,
von der alles zerstörenden Macht des Krieges.
"Schreiben wollte ich immer,
versuchte es schon früh, fand aber die Worte erst später"
1972 erhielt Heinrich Böll für sein unermüdliches
erzählerisches Wirken den Literatur-Nobelpreis, als erster
in Deutschland schreibender Nachkriegsautor. 1917 in Köln
geboren, leistete Böll zwischen 1939 und 1945 Kriegdienst.
Dabei wurde er mehrfach verwundet und 1945 kurzfristig interniert.
Es ist schwierig zu diesem Buch
Worte zu finden. Eine Anklage gegen den Krieg oder ein Aufschrei
gegen das sinnlose Sterben? Sicherlich ist es all dies, aber
noch mehr. Es bietet keinen Trost, aber man lebt es mit. Jeden
Tag, den Andreas noch bleibt, doch schon ist Freitag, Samstag...
"Zwölf stunden vor meinem Tode muss ich einsehen,
dass das Leben schön ist, das ist zu spät. Ich bin
undankbar gewesen, ich habe geleugnet, das es eine menschliche
Freude gibt. Und das Leben war schön"
"Kein Geheimnis darf
bleiben zwischen ihr und mir..."
Gegen Ende, ausgerechnet
in einem Bordell, trifft Andreas auf die Liebe, wenn auch eine
seltsam körperlose, in Form der jungen Prostituierten Olina,
von der er sich nun nicht mehr trennen will. Olina versucht alles,
um ihn zu retten. Ob es ihr letztlich gelingt, sei dahin gestellt,
doch ihre Worte, die sie zu Andreas spricht, durchklingen als
einziger Hoffnungsschimmer das ganze Buch: "wohin ich
dich auch führen werde, es wird das Leben sein".
dtv - Verlag, 144 Seiten,
CHF 13.50
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