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Lesen  11. September 2004
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Heinrich Böll: "Der Zug war pünktlich" (1949; "Trümmerliteratur", Neorealismus) | Erzählung
Leichen sind schwerer als die ganze Welt

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Zur Zeit des zweiten Weltkrieges spielt diese erste Buchveröffentlichung von Heinrich Böll vom Jahre 1949, die zu unrecht gerne übergangen wird zugunsten seiner anderen Werke. Eine eindrückliche Studie eines jungen Soldaten auf dem Weg in den Tod und ein Blick auf den Krieg aus der Sicht des menschlichen Kriegsmaterials.

Von Petra Gehrmann.

Was tut man, wenn man weiss, dass man den kommenden Sonntag nicht überleben wird. Essen, Schlafen, Karten spielen oder vielleicht beten? Gleich zu Beginn der Lektüre werden wir damit konfrontiert, dass der 24 jährige Soldat Andreas, der sich im Zug zurück an die Ostfront befindet, weiss, dass er bald sterben wird: "Ich will nicht sterben, das ist das Furchtbare, dass ich nicht sterben will." Doch der Zug verschleppt ihn unaufhaltsam und unbarmherzig seinem Ende entgegen, an einem Ort, von dem er nur den Namen kennt.

Beim Abschied an Zügen, die in den Tod führen
Böll lässt uns an Andreas Gedanken teilhaben, in einer einfachen, klaren und präzisen Sprache, die diese dramatische Geschichte unsentimental und gerade deshalb bewegend erzählt. Das Werk ist dabei von einer schier unerträglichen Hoffnungslosigkeit durchdrungen. Dies äussert sich indem Andreas gar nicht gegen sein Ende ankämpfen könnte, da er sein Gewehr zu Hause vergessen hat. Auch die zwei anderen Soldaten, die zu seinen Begleitern werden, deren Geschichten geprägt sind, von der alles zerstörenden Macht des Krieges.

"Schreiben wollte ich immer, versuchte es schon früh, fand aber die Worte erst später"
1972 erhielt Heinrich Böll für sein unermüdliches erzählerisches Wirken den Literatur-Nobelpreis, als erster in Deutschland schreibender Nachkriegsautor. 1917 in Köln geboren, leistete Böll zwischen 1939 und 1945 Kriegdienst. Dabei wurde er mehrfach verwundet und 1945 kurzfristig interniert.

Es ist schwierig zu diesem Buch Worte zu finden. Eine Anklage gegen den Krieg oder ein Aufschrei gegen das sinnlose Sterben? Sicherlich ist es all dies, aber noch mehr. Es bietet keinen Trost, aber man lebt es mit. Jeden Tag, den Andreas noch bleibt, doch schon ist Freitag, Samstag...
"Zwölf stunden vor meinem Tode muss ich einsehen, dass das Leben schön ist, das ist zu spät. Ich bin undankbar gewesen, ich habe geleugnet, das es eine menschliche Freude gibt. Und das Leben war schön"

"Kein Geheimnis darf bleiben zwischen ihr und mir..."
Gegen Ende, ausgerechnet in einem Bordell, trifft Andreas auf die Liebe, wenn auch eine seltsam körperlose, in Form der jungen Prostituierten Olina, von der er sich nun nicht mehr trennen will. Olina versucht alles, um ihn zu retten. Ob es ihr letztlich gelingt, sei dahin gestellt, doch ihre Worte, die sie zu Andreas spricht, durchklingen als einziger Hoffnungsschimmer das ganze Buch: "wohin ich dich auch führen werde, es wird das Leben sein".

dtv - Verlag, 144 Seiten, CHF 13.50

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