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Interview mit Dorothea Dieckmann
"Wer will, kann wissen"
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Dorothea Dieckmann |
Dorothea Dieckmann ist
1957 in Freiburg geboren. Sie studierte Literatur und Philosophie
und arbeitet als Essayistin und Literaturkritikerin. 1990 erhielt
sie den Hamburger Literaturpreis für die Novelle "Die
schwere und die leichte Liebe", 1996 den Literaturpreis
der Stadt Marburg. Vor der Veröffentlichung ihres neuen
Romans "Guantanamo" hat sie im Juni 2004 beim Ingeborg
Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt teilgenommen. Wir haben mit
ihr gesprochen.
Interview: Stephan Sigg.
PLEBS: Was war der Auslöser,
über Guantanamo zu schreiben?
Dorothea Dieckmann: "Die
Themen Gewalt und Gefängnis beschäftigen mich schon
lange. Vor 10 Jahren habe ich ein Buch über Kindergewalt
veröffentlicht, und wenn man so will, handelt auch mein
letzter Roman "Damen & Herren" von einer Form des
Eingesperrtseins. In einem etwa drei Jahre alten Text habe ich
das Schreiben selbst als Form der "Haft" gekennzeichnet.
Als ich vor knapp zwei Jahren auf Guantanamo aufmerksam wurde,
war ich von diesen archaischen Haftbedingungen, angefangen von
den (inzwischen abgeschafften) Käfigen, schockiert und geradezu
"angefasst". Obwohl "Guantanamo" für
die meisten ein unbekanntes Wort war und nichts darauf hindeutete,
dass es je ein großes Politikum werden würde, stand
fest: Dies ist der Ort für einen neuen Roman."
Wie intensiv haben Sie recherchiert?
"Das Internet hat mich zu
vielen Reportagen, Interviews und Analysen amerikanischer und
englischer Zeitungen geführt: Berichte entlassener Gefangener,
Aussagen von Militärs, zahlreiche Interviews, etwa mit den
islamischen Geistlichen vor Ort, rechtfertigende Darstellungen
des Pentagon, Hintergrundrecherchen und Analysen von Journalisten
etc. Im deutschen Fernsehen gab es mehrere detaillierte Dokumentationen.
Freunde haben Material gesammelt und geschickt. Zudem habe ich
Unmengen von Fotos, auch illegale, ausgewertet. Je länger
ich forschte, umso mehr Übereinstimmungen auch kleinster
Einzelheiten habe ich gefunden. So habe ich erfahren: Wer will,
kann wissen. Wer einmal anfängt, schwimmt bald in Material,
aus dem sich ein immer klareres Bild ergibt."
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"Wenn Literatur nur
von den eigenen Erlebnissen handeln würde, dann wäre
sie überflüssig." |
War es nicht schwierig,
sich so intensiv mit einem solchen brutalen Thema auseinandersetzen
zu müssen?
"Das Schreiben war so schwierig
wie jede Entdeckungsreise. Mein Fortbewegungsmittel ist so etwas
wie exakte Phantasie: Schicht um Schicht wird Verdrängung
abgetragen, werden Hinweise und Ahnungen regelrecht verfolgt.
Wenn man das ernst betreibt, entwickelt sich die Motivation von
selbst, wie ein Sog. Das hat auch eine befreiende, läuternde
Wirkung. Und trotz des Hineinversetzens in physische Schmerzen
und allmähliches Verrücktwerden ist die Welt, in die
ich hineingestiegen bin, nicht nur brutal; es gibt schöne,
traumartige und sogar witzige Momente. Ich brauchte keinen "besonders
schönen" Ausgleich, keine Kompensation; es reichte,
dass ich - im Gegensatz zu meinem Protagonisten - immer wieder
aus dem Gefängnis herausgehen konnte."
Hatten Sie wahrend Ihrer Arbeit
an diesem Buch nicht standig Angst, dass man plötzlich total
neue Informationen über Guantanamo erfährt und Ihre
bisherige Arbeit damit überholt?
"Mein Roman ist ein Roman
- keine Dokumentation oder Reportage. Im Rahmen des mir vorliegenden
Materials habe ich mir vorgestellt: So könnte es sein. Dieser
Möglichkeitssinn ist das Medium jeder Literatur. Deshalb
spielt es überhaupt keine Rolle, ob sich der Informationsstand
ändert. Ebenso kann das Bild eines gefesselten Häftlings
im roten Gefängnisanzug bei einem beliebigen Fernsehzuschauer
eine ganze Vorstellungswelt erzeugen: durch Einfühlung.
Die wird auch dann nicht falsch, wenn der Anzug plötzlich
grün ist oder der Gefangene freikommt. Mein Buch ist eine
Fiktion, eine durch Fakten angeregte, einfühlende Phantasie,
die ihre eigene literarische Gültigkeit hat."
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"...Unmengen von Fotos,
auch illegale, ausgewertet." |
Vor Veröffentlichung
Ihres Buch haben Sie beim Bachmannpreis mitgemacht - konnten
Sie die Kritiken der Juroren nachvollziehen?
"Die Jury fand meinen Text
fast einhellig zu gewagt. Ich konnte verstehen, dass die Kombination
von realem Ort und poetischer Phantasie Irritation erzeugt. Trotzdem
war ich reichlich erstaunt über die Feigheit der Jury, über
die selbst gesetzten Tabus hinwegzugehen: Tabus, die nichts mit
Literatur zu tun haben, sondern mit Politik und Moral. Wenn die
Vorsitzende, Iris Radisch, tonangebend meinte, man dürfe
nicht über den Text reden, weil er von Guantanamo handelt,
dann klingt das nicht nach literarischer Kritik, sondern nach
Zensurbehörde. Viele Kritiker sind der Argumentation nachträglich
exakt gefolgt, indem sie urteilten, der Text sei zwar hervorragend,
aber es sei nicht zulässig, sich auf eine existierende Realität
zu beziehen. Das hat aber wiederum viele andere provoziert, für
das Recht der Kunst einzutreten. Wer, wenn nicht die Kunst, soll
eine Wirklichkeit durchleuchten, die unserer Wahrnehmung aus
politischen Gründen entzogen wird? So ist eine Diskussion
entstanden, und schon deshalb bin ich froh, in Klagenfurt gewesen
zu sein."
Geht es in Ihrem Buch darum,
Guantanamo als konkreter Ort darzustellen oder ist es als Metapher
für andere Gefängnisse zu sehen?
"Ich habe ein literarische
Studie über Gefangenschaft angestrebt, egal, wer (ob schuldig
oder unschuldig) wo durch wen gefangen gehalten wird. Insofern
steht Guantanamo für jedes der ungezählten Gefängnisse,
in denen Menschen auf unbestimmte Zeit ohne rechtliche Grundlage
festgehalten und entsprechend behandelt werden. Vielleicht steht
das Buch sogar für einen existentiellen Zustand von Ausweglosigkeit
und Ausgeliefertsein allgemein. Es ist mir allerdings auch willkommen,
dass das Buch einen Eindruck von diesem konkreten Lager, dieser
Erfindung der US-amerikanischen Machthaber vermittelt."
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"Wer, wenn nicht die
Kunst, soll eine Wirklichkeit durchleuchten?" |
Waren Sie schon einmal
in einem Gefängnis?
"Wenn Literatur nur von
den eigenen Erlebnissen handeln würde, dann wäre sie
überflüssig... Anders gesagt: Nein, war ich nie - aber
das spielt keine Rolle für das Vorstellungsvermögen.
Ein Freund, der für zwei Jahre im Gefängnis war, hat
mir im nachhinein etwa meine Vermutung bestätigt, dass man
dort aus Selbstschutz Erinnerungen an früher möglichst
zu vermeiden sucht, weil das Heimweh einfach zu schmerzhaft ist.
Ich möchte behaupten, daß jeder Mensch so etwas wie
Gefängniserfahrungen hat. Bei mir sind es lange zurückliegende
Krankenhausaufenthalte auf Dauer und mit unbestimmtem Ausgang,
die mir den inneren Zugang zum Zustand eines Menschen erleichtert
haben, der nicht entkommen kann. Aber mehr noch: Gottfried Keller
hat z.B. einen Gedichtzyklus "Lebendig begraben" genannt
- das war für ihn eine Allegorie aufs menschliche Dasein
schlechthin."
Eine deutsche Autorin schreibt
über ein "amerikanisches Thema" - gab es schon
Reaktionen von Lesern aus den USA?
"Bisher ist nur ein kleiner
Ausschnitt übersetzt und von wenigen Amerikanern gelesen
worden. Zunächst gab es eine Art skeptisch-arrogantes Vorurteil:
Sieh da, schon wieder jemand aus Europa, der sich unbedingt um
Amerika kümmern muss. Als sie bei der Lektüre feststellten,
dass dieser Text nicht platt politisch, sondern poetisch und
existentiell mit dem Thema umgeht, war die Reaktion sehr berührt
und anerkennend. Man hat mich allerdings gewarnt, dass ich im
Fall einer Übersetzung auch mit Abwehr rechnen müsse,
weil man sich von außen, und zumal von einer Deutschen,
nicht einfach etwas "sagen lassen" wolle."
bachmannpreis.orf.at
>>> Videos der Lesung von
Dorothea Dieckmann und der Jury-Diskussion beim Bachmannpreis
www.raketa.net
>>> Infos zum Buch "Guantanamo"
und zur Autorin
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