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Lesen  11. September 2004
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Interview mit Dorothea Dieckmann
"Wer will, kann wissen"

Dorothea Dieckmann
Dorothea Dieckmann ist 1957 in Freiburg geboren. Sie studierte Literatur und Philosophie und arbeitet als Essayistin und Literaturkritikerin. 1990 erhielt sie den Hamburger Literaturpreis für die Novelle "Die schwere und die leichte Liebe", 1996 den Literaturpreis der Stadt Marburg. Vor der Veröffentlichung ihres neuen Romans "Guantanamo" hat sie im Juni 2004 beim Ingeborg Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt teilgenommen. Wir haben mit ihr gesprochen.

Interview: Stephan Sigg.

PLEBS: Was war der Auslöser, über Guantanamo zu schreiben?

Dorothea Dieckmann: "Die Themen Gewalt und Gefängnis beschäftigen mich schon lange. Vor 10 Jahren habe ich ein Buch über Kindergewalt veröffentlicht, und wenn man so will, handelt auch mein letzter Roman "Damen & Herren" von einer Form des Eingesperrtseins. In einem etwa drei Jahre alten Text habe ich das Schreiben selbst als Form der "Haft" gekennzeichnet. Als ich vor knapp zwei Jahren auf Guantanamo aufmerksam wurde, war ich von diesen archaischen Haftbedingungen, angefangen von den (inzwischen abgeschafften) Käfigen, schockiert und geradezu "angefasst". Obwohl "Guantanamo" für die meisten ein unbekanntes Wort war und nichts darauf hindeutete, dass es je ein großes Politikum werden würde, stand fest: Dies ist der Ort für einen neuen Roman."

Wie intensiv haben Sie recherchiert?

"Das Internet hat mich zu vielen Reportagen, Interviews und Analysen amerikanischer und englischer Zeitungen geführt: Berichte entlassener Gefangener, Aussagen von Militärs, zahlreiche Interviews, etwa mit den islamischen Geistlichen vor Ort, rechtfertigende Darstellungen des Pentagon, Hintergrundrecherchen und Analysen von Journalisten etc. Im deutschen Fernsehen gab es mehrere detaillierte Dokumentationen. Freunde haben Material gesammelt und geschickt. Zudem habe ich Unmengen von Fotos, auch illegale, ausgewertet. Je länger ich forschte, umso mehr Übereinstimmungen auch kleinster Einzelheiten habe ich gefunden. So habe ich erfahren: Wer will, kann wissen. Wer einmal anfängt, schwimmt bald in Material, aus dem sich ein immer klareres Bild ergibt."

"Wenn Literatur nur von den eigenen Erlebnissen handeln würde, dann wäre sie überflüssig."

War es nicht schwierig, sich so intensiv mit einem solchen brutalen Thema auseinandersetzen zu müssen?

"Das Schreiben war so schwierig wie jede Entdeckungsreise. Mein Fortbewegungsmittel ist so etwas wie exakte Phantasie: Schicht um Schicht wird Verdrängung abgetragen, werden Hinweise und Ahnungen regelrecht verfolgt. Wenn man das ernst betreibt, entwickelt sich die Motivation von selbst, wie ein Sog. Das hat auch eine befreiende, läuternde Wirkung. Und trotz des Hineinversetzens in physische Schmerzen und allmähliches Verrücktwerden ist die Welt, in die ich hineingestiegen bin, nicht nur brutal; es gibt schöne, traumartige und sogar witzige Momente. Ich brauchte keinen "besonders schönen" Ausgleich, keine Kompensation; es reichte, dass ich - im Gegensatz zu meinem Protagonisten - immer wieder aus dem Gefängnis herausgehen konnte."

Hatten Sie wahrend Ihrer Arbeit an diesem Buch nicht standig Angst, dass man plötzlich total neue Informationen über Guantanamo erfährt und Ihre bisherige Arbeit damit überholt?

"Mein Roman ist ein Roman - keine Dokumentation oder Reportage. Im Rahmen des mir vorliegenden Materials habe ich mir vorgestellt: So könnte es sein. Dieser Möglichkeitssinn ist das Medium jeder Literatur. Deshalb spielt es überhaupt keine Rolle, ob sich der Informationsstand ändert. Ebenso kann das Bild eines gefesselten Häftlings im roten Gefängnisanzug bei einem beliebigen Fernsehzuschauer eine ganze Vorstellungswelt erzeugen: durch Einfühlung. Die wird auch dann nicht falsch, wenn der Anzug plötzlich grün ist oder der Gefangene freikommt. Mein Buch ist eine Fiktion, eine durch Fakten angeregte, einfühlende Phantasie, die ihre eigene literarische Gültigkeit hat."

"...Unmengen von Fotos, auch illegale, ausgewertet."

Vor Veröffentlichung Ihres Buch haben Sie beim Bachmannpreis mitgemacht - konnten Sie die Kritiken der Juroren nachvollziehen?

"Die Jury fand meinen Text fast einhellig zu gewagt. Ich konnte verstehen, dass die Kombination von realem Ort und poetischer Phantasie Irritation erzeugt. Trotzdem war ich reichlich erstaunt über die Feigheit der Jury, über die selbst gesetzten Tabus hinwegzugehen: Tabus, die nichts mit Literatur zu tun haben, sondern mit Politik und Moral. Wenn die Vorsitzende, Iris Radisch, tonangebend meinte, man dürfe nicht über den Text reden, weil er von Guantanamo handelt, dann klingt das nicht nach literarischer Kritik, sondern nach Zensurbehörde. Viele Kritiker sind der Argumentation nachträglich exakt gefolgt, indem sie urteilten, der Text sei zwar hervorragend, aber es sei nicht zulässig, sich auf eine existierende Realität zu beziehen. Das hat aber wiederum viele andere provoziert, für das Recht der Kunst einzutreten. Wer, wenn nicht die Kunst, soll eine Wirklichkeit durchleuchten, die unserer Wahrnehmung aus politischen Gründen entzogen wird? So ist eine Diskussion entstanden, und schon deshalb bin ich froh, in Klagenfurt gewesen zu sein."

Geht es in Ihrem Buch darum, Guantanamo als konkreter Ort darzustellen oder ist es als Metapher für andere Gefängnisse zu sehen?

"Ich habe ein literarische Studie über Gefangenschaft angestrebt, egal, wer (ob schuldig oder unschuldig) wo durch wen gefangen gehalten wird. Insofern steht Guantanamo für jedes der ungezählten Gefängnisse, in denen Menschen auf unbestimmte Zeit ohne rechtliche Grundlage festgehalten und entsprechend behandelt werden. Vielleicht steht das Buch sogar für einen existentiellen Zustand von Ausweglosigkeit und Ausgeliefertsein allgemein. Es ist mir allerdings auch willkommen, dass das Buch einen Eindruck von diesem konkreten Lager, dieser Erfindung der US-amerikanischen Machthaber vermittelt."

"Wer, wenn nicht die Kunst, soll eine Wirklichkeit durchleuchten?"

Waren Sie schon einmal in einem Gefängnis?

"Wenn Literatur nur von den eigenen Erlebnissen handeln würde, dann wäre sie überflüssig... Anders gesagt: Nein, war ich nie - aber das spielt keine Rolle für das Vorstellungsvermögen. Ein Freund, der für zwei Jahre im Gefängnis war, hat mir im nachhinein etwa meine Vermutung bestätigt, dass man dort aus Selbstschutz Erinnerungen an früher möglichst zu vermeiden sucht, weil das Heimweh einfach zu schmerzhaft ist. Ich möchte behaupten, daß jeder Mensch so etwas wie Gefängniserfahrungen hat. Bei mir sind es lange zurückliegende Krankenhausaufenthalte auf Dauer und mit unbestimmtem Ausgang, die mir den inneren Zugang zum Zustand eines Menschen erleichtert haben, der nicht entkommen kann. Aber mehr noch: Gottfried Keller hat z.B. einen Gedichtzyklus "Lebendig begraben" genannt - das war für ihn eine Allegorie aufs menschliche Dasein schlechthin."

Eine deutsche Autorin schreibt über ein "amerikanisches Thema" - gab es schon Reaktionen von Lesern aus den USA?

"Bisher ist nur ein kleiner Ausschnitt übersetzt und von wenigen Amerikanern gelesen worden. Zunächst gab es eine Art skeptisch-arrogantes Vorurteil: Sieh da, schon wieder jemand aus Europa, der sich unbedingt um Amerika kümmern muss. Als sie bei der Lektüre feststellten, dass dieser Text nicht platt politisch, sondern poetisch und existentiell mit dem Thema umgeht, war die Reaktion sehr berührt und anerkennend. Man hat mich allerdings gewarnt, dass ich im Fall einer Übersetzung auch mit Abwehr rechnen müsse, weil man sich von außen, und zumal von einer Deutschen, nicht einfach etwas "sagen lassen" wolle."

bachmannpreis.orf.at
>>> Videos der Lesung von Dorothea Dieckmann und der Jury-Diskussion beim Bachmannpreis

www.raketa.net
>>> Infos zum Buch "Guantanamo" und zur Autorin

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